Er liebt sie eben

Rosalie hat sich verheddert, zum x-ten Mal heute. Nicht mit dem Garn, auch nicht mit den Füßen. Nein, es sind ihre Gedanken, in die sie keine Folgerichtigkeit bringt. Wie ein gerissener Faden, oder ein Wollknäuel, dessen Ende sich in einem Ungetüm wirr durcheinander geworfener Schlingen hoffnungslos verknotet hat.

Ihre schlanken Hände greifen nach dem Kissen auf der Couch. Dann ein Innehalten und ein leiser Seufzer. Sie kann sich nicht erinnern, wohin sie der Gedanke, der eben noch ihre Handlung bestimmt hat, führen wollte. Rosalie lässt die Hände sinken und mit ihnen auch die Schultern. Zurück auf Anfang, denkt sie ernüchtert, dreht sich um und folgt dem unsichtbaren Pfad zurück ins Wohnzimmer. Dort ist sie eben gestartet, doch auf dem Weg ist ihr das Ziel abhandengekommen.

In letzter Zeit passiert ihr das häufig, je nach Tagesverfassung. Stress solle sie meiden, hat der Arzt erklärt, und sich gesund ernähren. Als ob sie das nicht schon jahrelang tut, auf die Gesundheit achten, Sport treiben, alles eben, um fit zu bleiben. Niemand würde ihr bei dieser sportlichen Figur die 60 plus überhaupt ansehen. Und trotzdem: eine Diagnose, so schwer wie Blei – Alzheimer. Allein schon der Name, Rosalie kann ihn nicht ausstehen. Klingt wie eine Heimsuchung im Alter, dabei fühlt sie sich genauso jung wie eben noch, als sie ihre Kinder großgezogen hat.

Auf dem Esstisch liegt Rosalies Handy. Zielstrebig greift sie danach und ihre Augen lächeln. „Das muss ich dir unbedingt erzählen“, wendet sie sich an ihren Besuch. „Es ist ja so, dass einem auch glückliche Momente widerfahren und die muss man schätzen!“ Vorige Woche beim Merkur Restaurant hat Rosalie zu Mittag gegessen. An dieser Stelle unterbricht ihr Mann den Bericht, seine Stimme klingt freundlich, unterstützend: „Das hast du heute schon erzählt, weißt du noch?" Rosalie schüttelt kaum merklich den Kopf, legt ihre Stirn in Falten und überlegt eine Sekunde. Ihr Entschluss steht: Diese Geschichte muss erzählt werden, und wenn schon. Von ihr aus auch noch öfter.

Bei der Begebenheit hat sie einen ehemaligen Schulkollegen nach langer Zeit wieder getroffen. Wie sich herausstellt, ist der mit einem Professor an der Klinik befreundet. Forschungszweig: Stammzellentherapie, bisher sehr erfolgreich, weitere Studien sind in Planung, an denen sie vielleicht teilnehmen kann. Ein Anker, ein Hoffnungsschimmer, ein Lichtpunkt, der in ihr Leben scheint und sie bestärkt.

Auch Rosalies Mann freut sich, ein schmales Lächeln streift in diesem Moment sein Gesicht. Seit ein paar Jahren schon hat er sich alles angeeignet, was die moderne Wissenschaft hergibt, ihren Speiseplan neu zusammengestellt, Fachliteratur angeschafft und vielversprechende Ärzte konsultiert. Enthusiastisch und geduldig greift er Rosalie unter die Arme und unterstützt sie auf ihrem ungewissen Weg. Es ist beschissen, deinen liebsten Menschen so leiden zu sehen, denkt er manchmal, aber er liebt sie eben.

© Monika Bayerl