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Ich bin

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Ich bin | story.one

Draußen fällt der Regen aufs Dach. Wir verrücken die Möbel im Wohnzimmer und zwängen uns ins Sportdress. Bewegung muss jetzt unbedingt sein. Schwitzen, auspowern macht den Kopf frei. Gemeinsam als Motivationskick - läuft.

Nach dem Workout liegen mein Mann und ich entspannt mit dem Rücken auf der Matte. Shavasana, die Totenstellung. Mein Herz pocht, mein Atem strömt. Ich drücke auf play: Gitarrenklänge, eine sanfte Stimme, mein Lieblingsmantra. Plötzlich durchfluten mich Blitzlichter aus der Vergangenheit.

Ich sitze am Lagerfeuer, über mir eine große schwarze Kuppel, besetzt mit unzähligen Sternen. Mit fünfzehn Jahren bei der Jungscharleiter Ausbildung erlebe ich Geborgenheit mit Freunden. Wir sind uns nah.

Mit siebzehn Jahren lerne ich Gitarre spielen. Dazwischen irgendwann der erste Kuss. Ein Freund meines Bruders, der am nächsten Morgen nichts mehr davon weiß. Liebeskummer, Unsicherheit und Dramen auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Die Töne streicheln, umhüllen mich. Neue Bilder entstehen. Vom Hotelbalkon in Südafrika blicke ich auf den offenen Ozean. Der Wind bläst mich um, schlichtweg überwältigend.

Zeitsprung. Meine Mama hält mich weinenden Winzling im Arm und tröstet mich. Dieses Foto ist mein Wertvollstes aus der Kindheit.

Ich bin ganz ruhig, lausche, kann meinen Papa spüren, seine unsichtbare Gegenwart. So lange ist er schon fort. Viele Jahre des Vermissens, Trauerns, Entbehrens. Wie er mich wohl sieht? Ich weiß es nicht, aber ein friedvolles Gefühl tröstet mich.

Die Schwingungen der Musik nehmen mich auf, leicht und schwer zugleich, zurück in meinen Studienzeit. Wollte ich wirklich Lehrerin werden? Zweifel wechselten mit dem Erkennen meines Potentials. Ich zog von zuhause aus, Neuorientierung.

In drei Minuten einmal durch das ganze Leben, der ablaufende Film besteht aus vielen Einzelaufnahmen. Mir wird bewusst, dass sie etwas gemeinsam haben: Das Gefühl verbunden zu sein mit anderen Menschen, mit der Welt da draußen. Wir alle im Universum. Obwohl ich gerade hier im Zimmer auf der Yogamatte liege.

Die Stimmen verebben, die Musik wird leiser. Ich höre Immanuels Atem neben mir. Seltsam ist diese Ruhe, sie hat nichts Bedrohliches. Wie eine Decke hüllt sie mich in wärmendes Vertrauen.

Ich bin.

Und alles ist gut, wie es ist.

© Monika Bayerl 21.03.2020

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