Im Flow des Gehens

Pilgern, warum nicht? Drei Tage könnten wir mal ausprobieren. Route bestimmt, Datum fixiert, Rucksack gepackt. Meine Freundin hatte die Idee und ich war dabei. Hape Kerkelings Roman „Ich bin dann mal weg“ war 2006 erschienen und noch in aller Munde. Und Pilgerpfade gab es ja genug. Mittlerweile gut beschildert, Informationen dazu überall erhältlich.

Ende Mai war es soweit. Die schönste Jahreszeit, um sich der Natur wandernd hinzugeben. Man brachte uns, die wir in freudiger Erwartung schwelgten, nach Wals zum Goiser Jakobs-Kirchlein. Von hier aus wollten wir starten, dem Jakobsweg folgen. So wie es schon viele Menschen vor uns getan hatten. Das motiviert irgendwie. Dass sich andere auch bisweilen müde Füße mit Blasen dran geholt haben…

Beim Brunnen füllten wir unsere Trinkflasche und hinterließen einen Eintrag im Gebetsbuch. Gute Wünsche sollten uns begleiten. Wir schritten drauf los, unser erstes Etappenziel lag drei Gehstunden entfernt über der Grenze in Bad Reichenhall. Aber kaum nach einer halben Stunde färbte sich der Himmel über der Stadt dunkelgrau, zwischen den Bäumen fegte rasant der Wind. Blätter stoben durch die Luft, es donnerte und wurde immer dunkler. Ein gehöriges Unwetter braute sich zusammen. Das gibt‘s doch nicht! Keine Wetterprognose hatte das vorhergesagt. Ein sicherer Unterschlupf? Keiner in Sicht. Nur Wald und Wiesen und bis Großgmain noch zwanzig Minuten.

Also Regenjacke übergeworfen, Rucksack unter wasserfester Hülle versteckt und den Regenguss abgewartet. Im Freilichtmuseum danach in frische Pilgerklamotten geschlüpft. Sapperlot, war das ein starker Anfang. Mit so einer Prüfung gleich am ersten Tag hatten wir nicht gerechnet. Aber wir lachten schon wieder, hakten uns unter und starteten auf‘s Neue. Es blieb netterweise trocken, beim Abendessen hatten wir was zu erzählen. Die Erlebnisaktie war bereits kräftig ins Plus geschnellt.

Der morgendliche Blick zum Himmel stimmte uns versöhnlich. Ausgeruht brachen wir auf, folgten beständig dem Lauf der Saalach flussaufwärts. Langsam passten sich unsere Schritte, der Atem und unsere Gedanken dem eigenwilligen Rhythmus des Vorwärtsgehens an. Ich war im Flow, Seite an Seite mit meiner Freundin. Mit dem Gewicht des Rucksacks auf den Schultern, das dafür sorgte, den tragenden Boden mit neuem Bewusstsein zu spüren. Mitten in der Blumenwiese rasteten wir und gönnten den Zehen eine Auszeit an der frischen, klaren Luft. Alle Elemente wirkten so unmittelbar, dass sie mir das Herz berührten.

Auch auf der dritten Etappe, von Unken nach Lofer, hatten wir Glück mit dem Wetter. Dieser Wegabschnitt durch die Innersbachklamm mit ihrem wilden Wasser war spektakulär und eindrucksvoll. Dankbar erreichten wir das Ziel und umarmten uns. Ich fühlte mich wie ein Schwamm, der alles Erlebte aufsog. Erlebnisse weit weg von Alltagsbelangen.

Weniger Grübeln, mehr Spüren. Kleine Schritte mit nachhaltiger Wirkung.

© Monika Bayerl