Keimzeit

  • 547
Keimzeit | story.one

Für manche von uns ist das Leben schlagartig ruhig geworden. Dieses Innehalten erscheint so fremd und neu, dass ich es geradezu spüren kann: Der Nachbar blödelt mit seinen zwei Mädels im Garten rum, ich vernehme Kinderlachen und seines auch. T. liegt mit einem Buch in der Hand im Liegestuhl und winkt mir zu. H. zwickt mit der Gartenschere Triebe vom Strauch ab - Frühlingsschnitt. Ein Federball saust hin und her. Das Zwitschern der Amseln, Meisen und Spatzen tönt fröhlich und unbeschwert.

Noch nie habe ich so viele Menschen auf Terrassen und Balkonen gesehen und gehört. Entspannte Satzgebilde wehen durch die Luft. Am Horizont nur ein einziger Kondensstreifen, sonst klares, leuchtendes Blau.

Mir wird warm ums Herz. Der erwachende Frühling tut der Seele gut. Die Ruhe schärft unsere Sinne. Die Kontraste verdichten sich. Der Waldboden gleicht einer lila Tuchent. Aus dem Hochbeet strahlt mich sattgrüner Vogerlsalat an, der hier problemlos überwintert hat. Ich ziehe drei Lauchstängel heraus und schüttle die Erde von den Wurzeln ab.

Eben war ich bei der Gärtnerei einen Sack frischer Pflanzerde holen. Man darf sich selbst bedienen und das Geld, bitte genau abgezählt, durch den Schlitz in die Holzkiste mit der Aufschrift „Kassa“ werfen. Geniale Lösung!

Ein eifriger Mann nutzt ebenfalls die Gelegenheit zum Pflanzenkauf und telefoniert über Handylautsprecher mit seiner Frau. „Schatz, meinst du die?“ Er hält die Kamera vor etwas gelb Blühendes. „Tulpen steht da drauf.“ Sie widerspricht: „Na, gibt‘s nichts Anderes?“ Eine Weile geht das so dahin, lächelnd verfolge ich das Schauspiel und bewundere seine Geduld. Die Menschen haben wieder Zeit.

Zuhause vermische ich die Erde mit einer Schaufel Quarzsand und befülle die Anzuchtschale damit. Mir scheint die Sonne ins Gesicht. Ich bin glücklich. Die Tomatensamen sind so winzig, der Wind verbläst sie fast, bevor ich sie in ihre Nesterl legen kann. Mit einer dünnen Schicht Erde werden sie zugedeckt, mit der Sprühflasche dosiert gewässert. Jetzt heißt es warten. Ich freue mich auf die ersten Keimlinge.

Die Natur ist unser Vorbild. Sie verschwendet sich jedes Jahr aufs Neue, sammelt ihre unerschöpfliche Kraft im Herbst, überdauert den Winter und erblüht im Frühjahr im buntesten Kleid. Sie macht mir Mut, lässt mich hoffen.

Ihr immer wiederkehrender Kreislauf lehrt uns geduldig sein und Ausdauer haben – Fähigkeiten, die uns durch die momentane Verzweiflung tragen können. Ich komme bei mir selber an und erspüre auch ein Keimen in mir. Alte Krusten brechen auf, ich werde traurig und weine darüber. Meine Tränen sind der Dünger für das neue Wachstum.

Ich wünsche mir, dass niemand an dieser Situation verzweifelt. Ich hoffe, dass alle die Verbundenheit spüren, die uns Menschen ausmacht. Ich danke all jenen, die jetzt Unermessliches leisten, für ihren Dienst an der Gesellschaft. Ich glaube daran, dass uns diese Krise stark macht, weil sie uns neues Leben schenkt.

© Monika Bayerl