Mein geduldiger Christbaum

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Mein geduldiger Christbaum | story.one

„Mama, warum müssen wir jedes Jahr diesen langweiligen Bauernchristbaum haben? Alle anderen haben Lametta auf ihrem Christbaum hängen und Glitzerkugeln in leuchtenden Farben. Bitte, Mama! Können wir nicht einmal unseren Christbaum anders schmücken?“ Ich war zehn Jahre alt, konnte ganz schön stur sein und bettelte hartnäckig.

Die lang gepflegte Familientradition kam mir in diesem Jahr plötzlich furchtbar altmodisch vor. Wer brauchte schon Äpfel und Lebkuchen, wenn man auch Süßigkeiten und Glitterglanz haben konnte? Wir diskutierten lange, der Familienrat wurde einberufen. Beide Seiten hatten ihre Argumente - eine Patt Situation.

Aber Mama war klar im Vorteil, denn wir besaßen nur Strohsterne in sämtlichen Größen und Wachsmodeln von rot bis bienenwachsgelb. Die moderne Dekoration, wie ich sie ersehnte, hätte erst einmal angeschafft werden müssen. Es stand nicht gut für mich und mein Vorhaben. Aber ich hatte von meinen drei Brüdern Durchsetzungsvermögen gelernt. Mit verschränkten Armen und Schmollmund stand ich da, solange, bis ich Mamas Herz erweichte.

Die Lösung war unkonventionell und absolut genial: Der Familienbaum blieb unangetastet. ABER ich durfte mir einen eigenen kleinen Christbaum kaufen und mit meinen Lieblingskugeln, vom Taschengeld bezahlt, behängen. Sie waren kaum größer als Seifenblasen, schimmerten rosa, hellgrün, silber und blau. Ich stand davor und war überglücklich. Dass mir meine Mama das ermöglichte! Unglaublich.

Doch – wisst ihr, womit ich absolut nicht gerechnet hatte? Dass die Freude über mein eigenes Weihnachtsbäumchen so schnell verflog. Es stand mutterseelenalleine auf der Kommode in meinem Kinderzimmer. Niemand sang dort „Stille Nacht“, keiner fand es hübsch – außer mir. Mein Wunsch hatte mich isoliert. Wo doch Weihnachten das Fest der Verbundenheit sein sollte...

Auf einmal war ich beschämt und traurig. Ich glaube, Mama verstand mich in meiner Not. Sie tröstete mich, obwohl sie sich über„meine Extrawurst" hätte ärgern können.

Im folgenden Jahr freute ich mich tatsächlich sehr, gemeinsam mit den Geschwistern unseren stattlichen Bauernchristbaum aufzuhübschen. Dazu wurden selbst gebackene, mit Nüssen verzierte Lebkuchen auf rote Bändchen gefädelt und die winzigen Äpfel pausbackig poliert. An einem kleinen Zahnstocher befestigten wir den Draht. Mama zeigte mir geduldig das Binden von Strohsternen. Die Halme hatte sie zuvor in Wasser eingeweicht und anschließend flach gebügelt. Mit weißem Zwirn fädelte ich kreisrum, immer auf und ab. Es war eine schöne Arbeit. Überhaupt die ganze Zeit der Vorbereitung, ich liebte sie umso mehr.

Danke lieber Christbaum, dass du so geduldig mit mir warst. Heute finde dich wunderschön!

© Monika Bayerl