Meine Narzissenfreundin

Wie kann das möglich sein? In deiner Lebenskrise genau den Menschen zu treffen, der dich aus tiefstem Herzen versteht? Eine Frau, mit den selben Wünschen und unerfüllten Träumen? Eine Freundin, die gemeinsam mit dir Tränen weint und dir jeden Tag neuen Mut zuspricht? Ein Gegenüber, das dich mit seinem Strahlen aufmunternd auf andere Gedanken bringt?

So geschehen am 29. April 2017. Ankunft in Bad Aussee bei spätem Wintereinbruch. Angst und Unsicherheit im Gepäck, das zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon schwer wiegt. Eine sonderbare Reise, auf die man nicht ganz freiwillig geht. Heimweh, das im trockenen Hals steckt. Keine Lust auf fremde Menschen, aber Einsehen der Notwendigkeit. Doppelzimmer – mit wem?

Da steht sie – blaue Augen, Fröhlichkeit versprühend, obwohl uns beiden nicht danach zu Mute ist. Später meint sie: „Da hab ich gleich gewusst, dass wir auf einer Wellenlänge sind, als du ins Zimmer kamst!“ Wie ich diesen Wesenszug der spontanen Gelassenheit an ihr schätze!

Kaum dreißig Minuten später sind wir mit dem Datenabgleich durch: Alter, Sternzeichen, Familiengeschichte, Haustier, Hobbys… Gemeinsamkeiten ohne Ende. Wir verstehen uns – auch ohne viele Worte. Mein neuronales Netzwerk schaltet auf Entspannung. Ein Bild von Seifenblasen kommt mir in den Sinn, so leicht hat sich der Beginn unserer Freundschaft in meinem Herzen dargestellt.

Diese besondere Freundschaft dauert bis heute an und gibt uns beiden Energie. Es stimmt uns froh, auf diese intensive und erholsame Zeit zurückzublicken.

Die Landschaft im steirischen Ausseerland ist sowieso der reinste Balsam für die Seele, besonders im Frühjahr. Wann immer es möglich ist, stiefeln wir los, frische Luft tankend, aufatmend und Ballast abwerfend. Im Gehen zu sich selber finden funktioniert wirklich, man vergisst es im Alltag bloß zu schnell.

Mittendrin ihr traurigster Tiefschlag. Hilft aber alles nichts. Wieder loslassen - die Wut begreifen und ihr eine Stimme geben. Ich tue, was ich kann, um ihr beizustehen.

Als dann die Narzissen blühen, hält es uns gar nicht mehr im Haus. Die Farbenfreude der Blumen und die Wärme der Frühlingssonne übertragen sich auch auf uns. Endlich! Wie sehr ich mir gewünscht habe, in einem Feld von Dichternarzissen zu stehen und ihren Duft zu einzuatmen. Sogar beim Stecken der Figuren darf ich helfen, grandios.

Beim Narzissenfest schließlich mischen wir uns unter das Festvolk, genießen die Stimmung und feiern – trotz allem – das Leben. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es geht bergauf, Glaube kann schließlich Berge versetzen.

Ein knappes Jahr später hält meine liebe Freundin ihre kleine Tochter im Arm, unfassbar – so ein Geschenk! Mir kullern Freudentränen über die Wange, auch heute noch. Danke A.

© Monika Bayerl