Meine tiefste Verwundung

Am Donnerstag, den 1. Mai wollten wir nach Berchtesgaden fahren. Da lief mir in Ursprung eine Katze bei ca. 50 km/h unter's Auto. Sie kam regelrecht heraus geschossen von der rechten Seite. Es gab einen dumpfen Aufschlag, ich hielt das Lenkrad fest und stieg auf die Bremse. Alles passierte so rasend schnell. Wie ein Blitz! Im Rückspiegel sah ich das Tier einen Überschlag machen. In mir stieg Panik hoch. Wie in Trance fuhr ich etwa 300 Meter weiter, mir war so elend zumute, dann hielt ich den Wagen bei der Tankstelle. Der Schock saß tief:„Ich wollte das nicht!“ Mein Mann versuchte mich zu beruhigen: „Du hast nichts falsch gemacht. Es war gut, dass du das Lenkrad nicht verrissen hast." Ich war so aufgebracht und spürte meine Erregung. Die Wut auf das Schicksal, dass es mich getroffen hatte. Und die Schuld, weil ich genau in diesem Moment dort entlang gefahren war. Aber ich wollte mich vergewissern, was der Katze passiert war. Neben der Kreuzung parkten wir am Straßenrand und ich schleppte mich zurück. Die Katze war nicht mehr zu sehen. Jetzt fiel die ganze Anspannung in sich zusammen. Mich schüttelte es vor Trauer und Verzweiflung. „Was hast du?“, wollte mein Mann wissen. „Du siehst doch, dass sie überlebt hat!“ Aber ich beruhigte mich nicht und hatte keine Kraft mehr in den Beinen. Am stärksten war der heftige Schmerz in meiner Brust. Ich sah in meinem Inneren eine klaffende Wunde, die mich erschütterte. Minutenlang flossen meine Tränen und ich musste mich anlehnen. „Tief atmen“, sagte mein Mann immer wieder. Ganz langsam konnte der Schmerz abklingen. Zurück blieb grenzenlose Erschöpfung.

Wir fuhren nach Hause und ich legte mich todmüde ins Bett. Erst nach zwei Stunden stand ich wieder auf. Mein Kopf fühlte sich dumpf und leer an. Ich nahm eine Kopfschmerztablette. Die Schwere des Ereignisses steckte mir noch in den Gliedern. Da erinnerte ich mich an das Buch von Peter A. Levine, in dem es um die Verarbeitung von Traumata geht. Körper und Psyche bleiben dabei in einer unaufgelösten Fluchtreaktion gefangen. Es gilt diesen emotionalen Stau und die Blockaden vorsichtig zu lösen, damit die Energie im Körper wieder fließen kann. Ich wusste in diesem Augenblick, dass dieses Ereignis seinen ganz bestimmten Sinn erfüllt hatte. Nun konnte ich das Erlebte annehmen. Auch deshalb, weil ich von einem lieben Menschen gehalten war.

© Monika Bayerl