Nikolausgraus!

Draußen wird es dunkel. Vor den Fenstern eine Schwärze, die mich kleiner fühlen lässt und eine Sehnsucht nach Geborgenheit weckt. Holzscheite knistern in den Flammen. Mit dem Schürhaken kann man die kreisrunde Platte vom Kamin wegziehen und sieht darin die roten Feuerzungen lodern. Die Wärme kriecht das Ofenrohr hinauf und legt sich wohlig über unsere Köpfe. Schutz und Heimat in den eigenen vier Wänden, ein heimeliges Gefühl.

Draußen tobt das Böse in Gestalt von Krampus und Percht. In der Ferne hört man Ketten rasseln und Kuhglocken bimmeln. Mich schaudert.

Die Maroni rösten über dem Feuer. Ich helfe so gerne mit, wenn ein Fest ansteht. Gemeinsam feiern, das verbindet uns. Mama, Papa, meine drei Brüder und mich. Obwohl nicht alles so harmonisch ist. Auch Spannungen knistern durch den Raum, wie in jeder anderen Familie. Erwartungen, die jeder mit sich trägt, drücken manchmal schwer. Ich kann sie spüren, meine Antennen nehmen alles auf: Feinste Verschiebungen versetzen mich in Anspannung.

Verstohlen blicke ich zum Fenster. Und wenn nun doch der Krampus kommt? Meine Geschwister ziehen mich deswegen auf: „Du kleiner Angsthase, was hast du nur?“

Mama gießt den Früchtetee auf, ich strecke meine Nase in den warmen Dampf und inhaliere das Aroma. Apfelschalen und Zimt stimmen uns auf diesen Abend ein und ich freue mich unbändig auf den Nikolaus. Zu uns nach Hause kommt er zwar nie in persona, aber wir lesen seine Legenden, versammeln uns alle um den großen Tisch, um in Ruhe Abend zu essen. Im Kindergarten haben wir ein Gedicht gelernt, das will ich nachher aufsagen.

Wie bin ich froh, daheim zu sein, sicher und beschützt. Aber meine Fantasie ist lebhaft. Immer wieder muss ich an die Perchten mit ihren schaurigen Masken denken.

Die Bratäpfel werden aufgetischt. Wie herrlich sie duften!

Und dann geht alles ganz schnell:

Ein grausig dumpfes Brüllen. Ein ohrenbetäubendes Schlagen und Hämmern und Tamtam. Ein wildgewordenes Fellmonster plötzlich ganz nah, direkt vor dem Fenster. Ich erstarre im Angesicht dieser roten Fratzenmaske mit der Zunge, die durch die Glasscheibe zu drängen scheint, keine zwei Meter entfernt. In der Hand hält das Monster einen Dreizack. Das ist zu viel! Hysterisch schreiend krieche ich unter den Tisch.

Mir graut so fürchterlich vor dem Höllenlärm, ich halte mir die Ohren zu und möchte sterben vor Angst. Wie konnte dieser schwarze Teufel in unseren Garten kommen? Niemand hat ihn eingeladen. Mama will mich beruhigen. Papa steht auf und verscheucht den ungebetenen Gast. Alle sind erschrocken. Irgendwie verfolgt mich noch heute - dieser elende Nikolausgraus!

© Monika Bayerl