Schneewittchen und der Krieg

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Schneewittchen und der Krieg | story.one

Als Mama 1940 in Salzburg geboren wurde, herrschte Krieg. Sie war die Zweitälteste von insgesamt sechs Geschwistern. Ihre Eltern führten ein Lebensmittelgeschäft. Großvater galt zunächst als „kriegswichtig“ in der Versorgung, wurde aber 1942/43 nach Deutschland eingezogen. Bei Großmutters Besuch an der Front wurde Mamas Bruder gezeugt, Opa gab ihm den Spitznamen „Meine Kieler Sprotte“.

Zunächst spielten die Geschwister noch gern auf den Plätzen der Altstadt. Zwischen 1943 und 1944 fanden die ersten feindlichen Luftangriffe statt. Sobald Sirenenalarm einsetzte, rannte Großmutter zur Sandspielkiste hinter der Kirche, packte ihre drei Kinder und suchte mit ihnen Zuflucht in den Luftschutzstollen des Mönchsberges. Mamas Schwester weinte bitterlich, weil die Puppe zurückbleiben musste. Im Bunker drängten sich viele Leute zusammen. Mit einem roten Faden spielte Mama Fadenspiele. Plötzlich dröhnte und knallte es fürchterlich, der Strom fiel aus, sie saßen in der Dunkelheit.

Großvater befürchtete das Wohnhaus wäre getroffen worden. Vor lauter Sorge riet er seiner Familie aus der Stadt zu fliehen. In Großgmain, in einem Haus auf der Anhöhe, fanden sie Unterschlupf. Doch die Bedrohung wurde immer größer. Einmal sahen alle von der Terrasse aus die Bombengeschwader Richtung Salzburg anrücken und waren irrsinnig aufgeregt. Hitler wollte ja in der Nähe seine Alpenfestung errichten.

Darum musste die Familie weiter nach Hilzham zur Tante auf den Bauernhof ziehen. Zu Fuß, zwei Kleinkinder im Wagerl, vierzig Kilometer weit, die Mädchen rechts und links an Großmutters Hand. Ein heftiges Gewitter überraschte sie auf ihrem Marsch. Zu diesem Zeitpunkt waren schon amerikanische Soldaten in der Gegend. Als das Baby vor Hunger schrie, halfen sie Großmutter das Fläschchen zu wärmen.

Wegen der Lebensmittelknappheit herrschte große Sorge. Erbsen und Karotten wurden selbst angebaut. Die Kinder naschten heimlich davon, steckten die abgezupften Stiele wieder in die Erde. Komisch, warum die alle die Köpfe hängen ließen? Einmal geschah die Tragödie: Mamas kleine Kusine wurde von einem Stier überrannt und verletzt. Trotzdem erlebten sie auf dem Bauernhof auch schöne Momente, die Kinder konnten im Wald spielen, die Natur erleben, ein Rindenhaus bauen. Beim Nachbarn gab’s junge Kätzchen, Mama kletterte über die Leiter hoch in den Stadl um sie zu sehen.

Der Krieg endete, die wirtschaftlich dramatische Situation und die Anspannung blieben. Großvater kehrte traumatisiert mit einer Knieverletzung heim, konnte aber seine Arbeit wieder aufnehmen. Mama wurde eingeschult, vierzig Kinder in einer Klasse, wegen des Vitaminmangels musste sie täglich Lebertran trinken. So grauslich! Zu Weihnachten aber luden die Amerikaner alle Volksschulkinder in die Felsenreitschule ein. Das erste Mal ein Kinofilm, das blieb bis heute unvergessen! Man zeigte Walt Disneys Schneewittchen und beschenkte sie mit Kakao und Schokolade.

© Monika Bayerl