Wie ich Geschichtenerzählerin wurde

Alles begann mit dem Hören. Es war so ein Gefühl der Geborgenheit. Mama las mir abends oft etwas vor. Da gab es dieses „Grimms Märchenbuch“. Raffiniert, wie ich war, wünschte ich mir immer das allerlängste Märchen. Das von den zwei Brüdern. Darin kam ein vielköpfiger Drache vor, dem am Ende die Köpfe abgeschlagen wurden.

Freitags nach dem Kindergarten borgten wir uns in der örtlichen Bibliothek ein Buch aus. Ich kann mich noch an ganz viele erinnern! Besonders gern mochte ich das „Kleine Ich-bin-Ich“, weil ich den Klang der Sprache so schön fand. Bald konnte ich den ganzen Text auswendig. Zuhause hatten wir einen Plattenspieler und ich besaß eine Platte vom Kleinen Gespenst. Ich kann bis heute alle Lieder im Schlaf singen. Lauschend kuschelte ich mich auf das Sofa im Wohnzimmer oder übte mich währenddessen im Papierbasteln.

Natürlich hatte meine Mama nicht immer Zeit. Dann hockten wir Kinder vor dem Bücherregal und vergnügten uns mit allen bis dahin erschienenen Asterix Bänden. Ich glaube mit Asterix, Obelix, Idefix und den Römern habe ich das Lesen gelernt, lange bevor ich in die Schule kam. Meine Geschwister und ich überlegten sogar bei „Wetten dass…?“ aufzutreten. Wir waren sicher, dass wir jedes einzelne Bild dem richtigen Band zuordnen konnten. Bei vielen Szenen kugelte ich mich immer und immer wieder vor Lachen.

Der Stoff der Geschichten wurde ernster und spannender. Mit Ronja duckte ich mich durch den Räuberwald und lernte von ihr den befreienden Frühlingsschrei. Mit Jim Knopf jagte ich die wilde Dreizehn und verschwand mit Bastian in der unendlichen Geschichte.

Und dann begann das Gruseln. Ich war das erste Mal alleine von zuhause weg auf einem Jungscharlager. Wir bewohnten eine Almhütte ohne Strom, dafür mit Plumpsklo mitten im Wald. Abends saßen wir am Lagerfeuer oder schlichen mit Fackeln durchs Gehölz. Es galt als Mutprobe unter uns Kindern, sich gegenseitig Schauergeschichten zu erzählen. Je gruseliger, desto besser. Von den Tannen hingen Geisterhaare. Sie hatten sich bloß als Flechten getarnt. Fette Spinnen und tote Fliegen unter der Matratze waren in Wahrheit Monster, die uns heimsuchten. Bibbernd verkroch ich mich im schützenden Schlafsack.

Mit Mitte zwanzig entdeckte ich das Puppenspielen. Ich nähte mit einer Freundin Kasperlfiguren, schrieb Texte um und lieh dem Kasperl für seine herrlichen Späße mit dem Räuber Hotzenplotz meine Stimme. Die kleinen Zuschauer erlebten die Abenteuer mit Haut und Haar und allem, was sie hatten. Das konnte man an den glänzenden Gesichtern sehen.

Und nun sitze ich am Schreibtisch und brüte eigene Geschichten aus, einfach weil es mir so Freude macht. Und lese so viele andere auf story.one. Sie bereichern mich und mein Werden. Weil ich mich selber darin finden kann. Weil sie Spaß machen und aufrütteln, nachdenklich stimmen und das Herz berühren.

Wie schön, dass es dieses Forum gibt. Denn ich glaube, all unsere Geschichten wollen gehört werden.

© Monika Bayerl