Ausgesperrt! Der tätowierte Türöffner

Ausgesperrt! Der Haustürschlüssel war eingesteckt, den Wohnungsschlüssel aber – ich sehe ihn förmlich auf der Kommode im Flur liegen - habe ich dort vergessen.

Was tun um neun Uhr Abend?

Nach einer Minute sich nähernder Panik fällt mir der Name der Hausmeisterin ein. Sie öffnet nach längerer Wartezeit mit mehligen Händen und misstrauischem Blick. In der Küche Mehl und Teig und Schüsseln - sie backt um diese Zeit noch einen Hefezopf.

„Können Sie mir bitte helfen? Ich bewohne gerade die Wohnung meiner Nichte hier im 3. Stock. Und hab den Wohnungsschlüssel in der Wohnung vergessen.“´

Der Hausmeistergatte, bereits im Unterleiberl, erhebt sich vom Fernsehsessel und nimmt die Sache in die Hand.

„I hob a Idee. Gems ma ihr Kreditkortn. Des moch ma jetzt wia im Krimi. So a Tür is glei offen.“ Er verlässt mit meiner Bipa-Karte die Wohnung und testet den Trick bei seiner eigenen Wohnungstüre. Ratsch, kracks, die Karte splittert in mehrere Stücke. Es funktioniert doch nicht wie im Krimi.

Der Schlüsseldienst wird angerufen und verspricht, in einer halben Stunde zu kommen. Freundlich teilt der Hausherr eine Flasche Bier mit mir und bietet eine Zigarette an. Ich lehne ab, was ihm nicht gefällt. Mit der Zigarette fuchtelnd redet er sich förmlich in Rage. „Mia Raucha san die Ormen. Als nächstes werden´s uns nu verbieten, dass ma schwoaze Schuah anziang.“ Die Gattin schweigt, aus dem Backofen duftet der Germzopf.

Der Schlüsseldienst ist da. Ein Hühne von Mann, mit grimmigem Gesicht, geschorenem Haar, an der Hand eine grüne Werkzeugkiste. „Wo ist die Tür?“ fragt er kurz angebunden.

Schweigend fahren wir mit dem Lift in den dritten Stock. Vor der Wohnungstüre holt er einen ganz normalen Schraubenzieher aus seiner Kiste – päng - die Tür ist offen. Das Werk einer Sekunde. Ich bin verblüfft und bedanke mich überschwänglich.

Unbeeindruckt von meinen Komplimenten zieht er einen orangen Block aus der Brusttasche seiner gut eingetragenen Lederjacke und beginnt langsam an einem Kassazettel zu schreiben. „Des mocht zweihundertachtundfünfzig Euro. Es ist teurer, weil´s schon noch ochte is. Wenn sie´s net bar hom, i begleit sie zum Bankomaten.“

Sein kleiner Fiat steht direkt neben dem Haustor, auf dem Rücksitz ist ein Kindersitz montiert. Auf der Fahrt zur nächsten Bank blicke ich verstohlen auf den fremdartigen Mann. Jetzt erst sehe ich die schwarzbunten Tätowierungen, die auf seinen Handgelenken aus den Lederärmeln kriechen. In lässigem Ton frage ich – professionelle Krimi-Leserin:

„Wo haben Sie eigentlich gelernt, so schnell eine Tür aufzubringen?“

„I bin g´lernter Schlosser.“ lautet die für mich enttäuschende Antwort.

Er bekommt zweihundertsechzig Euro und verschwindet in seinem kleinen Wagen zügig ins nächtliche Wien.

Auf der Heckscheibe prangt ein Kleber: Hard Dog.

© Monika Bundt