Das Dorf in der Stadt

Einen Tag lang gondle ich im Zug durch deutsche und französische Landschaften Richtung Paris, blicke auf Felder, Flussläufe und Stadt-Silhouetten. Ankunft im Gare de l´Est, zügig geht es mit der carte orange in der Metro zu meinem Domizil.

Ganze drei Wochen werde ich in einer kleinen Dachwohnung mitten im Marais wohnen, dem tausend Jahre alten Judenviertel mit engen, verwinkelten Gassen. Fünf Stockwerke führt die steile Wendeltreppe hinunter in den begrünten Innenhof.

Mit einem Klack fällt das grosse Tor zur Strasse ins Schloss. Um die Ecke liegt an der Rue de Rivoli das Café B., das ich gleich am ersten Morgen nach meiner Ankunft aufsuche. Ich bestelle bei der freundlichen Kellnerin mit den dunklen, schräggeschnittenen Augen café crème et un baguette beurrée, sitze in der Sonne en terrasse, schaue auf die Passanten und freu‘ mich des Lebens. Viele der berühmten Pariser Sehenswürdigkeiten kenne ich von früheren Aufenthalten. Nun kann ich mir den Luxus gönnen, mich treiben zu lassen, zu Fuss in unbekannte Viertel wandern und mit der Metro die riesige Stadt durchpflügen.

Im Musée d´Orsay finde ich ein Bild von Vilhelm Hammershoi, der als Druck daheim im Wohnzimmer hängt. Begeistert verharre ich lange vor dem Original! Ein anderes Ziel ist ein kleines Künstleratelier, in dem Madame aus dünnem weissen Porzellan kleine Kunstwerke zaubert und Monsieur die Kollektion mit hölzerner Handwerkskunst ergänzt. Sie fertigen gemeinsam filigrane Mobile mit winzigen Häuschen, eines aus Porzellan, das andere aus Holz.

Ein weiteres mal möchte ich im Petit Palais die knarrenden Parkettböden in den Ausstellungsräumen durchschreiten und die Stille im palmenumkränzten Innenhof mit den exquisit verlegten farbigen Mosaiken genießen, einen ganzen Tag in den Gärten vom Schloss Versailles die kunstvoll angelegten Areale durchwandern und den Gärtnern beim Heckenschneiden zusehen. Zum Mittagessen ein Bistro in der Rue V. aufsuchen, wo es ein gutes plat du jour und einen sehenswerten Ober gibt, der mit wiegendem Gang die Tabletts schwingt. An einem Sonntag den Flohmarkt Marché d´Aligre besuchen! In der gusseisernen Halle Delikatessen, soweit das Auge reicht, daneben Stände mit alten Dingen. Meine Beute beim letzten Mal: ein Paar rote Lederhandschuhe, seidengefüttert, fünf Euro. Wer wird sie einst getragen haben, diese edlen Fingerlinge?

Zunächst aber gilt es, die nähere Umgebung, "das Dorf", zu erkunden. Die boulangerie mit duftenden Baguettes liegt auf der anderen Strassenseite, nebenan finde ich Kirschen und Tomaten. Und - voilà – die fromagérie! Käse aus ganz Frankreich, große Laibe, Käse in Asche, Käse mit weissem und Blauschimmel.

Jeden Morgen Frühstück im Stamm-Café, heute ist der neunte Tag meines Aufenthaltes. Wieder setze ich mich in der Morgensonne an einen kleinen Tisch, fast meinen Stammtisch. Da bringt die Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln mein Frühstück - voilà - unaufgefordert!

© Mo Bundt