Alain Delon - in einer Kathedrale

Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf die Uferstrasse an der Seine. Ich flaniere gut gelaunt an diesem Abend an Notre Dame vorbei und freue mich auf einen Aperitif und ein kleines Abendessen auf einer der Bistro-Terrassen im Marais. Da dringt Orgelmusik und vielstimmiger Chorgesang an mein Ohr.

Vor dem Eingang zur Kathedrale noch immer Touristenschwärme, auf hölzernen Stufen sitzen zwei Rucksack-Pärchen und holen ein Baguette, Käse und eine Weinflasche aus einem Rucksack. Ein Ziehharmonika-Spieler steht musizierend gleich daneben, Wortfetzen verschiedener Sprachen sind zu hören. Ich aber gehe zielsicher zum Eingang der Kathedrale.

Schwer öffnet sich das hölzerne Eingangstor mit dem geschnitzten Rautenmuster. Dahinter mystisches Halbdunkel, Kerzen flackern, Weihrauch nebelt und duftet. Ein Frauenchor, alle in hellblauen Schürzenkleidern, singt einen mächtigen Choral, dazu dröhnt kraftvoll die Orgel aus Tausenden Pfeifen.

Das Kirchenschiff ist bis auf die letzten Reihen mit Gläubigen besetzt. Ganz hinten stelle ich mich dazu und blicke auf eine große Leinwand, die das Geschehen am Altar auch an die hintere Hälfte des Kirchenschiffs überträgt.

Gezeigt wird eine ganze Formation hochgestellter Kirchenmänner. Beeindruckende, meist füllige Priester, behängt mit prächtigen goldbestickten Ornaten. Einige tragen hohe weiße Bischofsmützen. Sie feiern für Tausende Gläubige in alter christlicher Tradition die Sonntag-Abendmesse. Zwei Priester bestreiten abwechselnd die Predigten mit tiefer Stimme und dem vertrauten Sprechgesang. Bei den Liedern dürfen auch die anderen Priester mitsingen - auch hier wie in jedem Konzern strenge Männer-Hierarchien.

Plötzlich schwenkt die Kamera und zeigt inmitten der ehrwürdig ergrauten Männer einen schönen, dunkelhaarigen Mann. Alain Delon in jungen Jahren! Heute als Priester verkleidet, zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich. Die Kamera verfolgt wie verliebt jede Geste, jede seiner Bewegungen. Die Gläubigen, weiblich wie männlich, starren, lächeln und flüstern.

So hat sich in den feierlichen Gottesdienst ein Hauch irdischer Gedanken eingeschlichen. Beruhigt verlasse ich das Gotteshaus.

© Monika Bundt