Dunkle Locken - in einer Kathedrale

Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf die Uferstrasse an der Seine. Ich schlendere Richtung Notre Dame – da dringt Orgelmusik und vielstimmiger Chorgesang an mein Ohr.

Schwer öffnet sich an der Kathedrale das hölzerne Eingangstor mit dem geschnitzten Rautenmuster. Dahinter mystisches Halbdunkel, Kerzen flackern, Weihrauch nebelt und duftet. Ein Frauenchor, alle in hellblauen Schürzenkleidern, singt einen mächtigen Choral, dazu dröhnt kraftvoll die Orgel aus Tausenden Pfeifen.

Das Kirchenschiff ist bis auf die letzten Reihen mit Gläubigen besetzt. Ganz hinten stelle ich mich dazu und blicke auf eine große Leinwand, die das Geschehen am Altar auch an die hintere Hälfte des Kirchenschiffs überträgt.

Gezeigt wird eine ganze Formation hochgestellter Kirchenmänner. Beeindruckende, meist füllige Männer, behängt mit prächtigen goldbestickten Ornaten. Einige tragen hohe weiße Bischofsmützen. Sie feiern für Tausende Gläubige in alter christlicher Tradition die Sonntag-Abendmesse.

Plötzlich schwenkt die Kamera und zeigt inmitten der ehrwürdig ergrauten Männer einen jungen, dunkellockigen Priester.

Alain Delon in jungen Jahren! Heute als Priester verkleidet, zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich. Die Kamera verfolgt jede Geste, jede Bewegung des schönen Menschen. Die Gläubigen, weiblich wie männlich, lächeln und flüstern.

So hat sich in den feierlichen Gottesdienst ein Hauch irdischer Gedanken eingeschlichen.

Beruhigt verlasse ich das Gotteshaus.

© Monika Bundt