Tränen - morgens um halb neun

Vor Jahren glänzte der Salzburger Bahnhof im oberen Gleisbereich mit einem besonderen Restaurant – dem Marmorsaal.

Durch die gläserne Oberlichtdecke fällt diffuses Licht auf eine Vielzahl kleiner weiß gedeckter Tische. Vier wuchtige Marmorsäulen aus dunkelrotem Korallenmarmor ragen Richtung Decke. Auch tagsüber strahlen sanft die mannshohen Stehlampen mit Schirmen aus honiggelbem Pergamentpapier.

In gläsernen Vitrinen warten Guglhupf und Apfelstrudel. Es gibt keinen schöneren Platz, um die Wartezeit auf den nächsten Zug zu verbringen.

An einem Montag Morgen betrete ich den Marmorsaal. 55 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges - die ideale Zeitspanne für ein einfaches Frühstück. Nur ein halbes Dutzend Tische sind besetzt. Ein langgewachsener Ober, seriös schwarz-weiß gekleidet, schlängelt sich mit geübtem Hüftschwung durch die Tisch-Landschaft.

Er bringt auf einem silbrigen Tablett Kaffee und eine flache Maschinensemmel. Ein Würfelchen Butter liegt daneben und ein aufgebackenes Croissant. Egal, ich genieße das Frühstück und hole die Tageszeitung vom Zeitungsständer.

Plötzlich tönt das laute Schluchzen einer Frau durch die Halle! Dann noch ein Schluchzer, so eindringlich, dass er das laute Sprudeln des Wandbrunnens aus Marmor übertönt.

Ich spähe vorsichtig auf die Quelle des hörbaren Unglücks.

An einem Tisch sitzt ein Paar, ein ungleiches Paar. Er ein Mittvierziger im Business-Anzug und Krawatte, akkuratem Haarschnitt und Aktentasche neben dem Stuhl. Sie ist halb so alt, dichte blonde Locken umrahmen ihr rundes Gesicht, die kleine Nase rotverweint. Das geblümte Kleid und die bunten Sandalen erinnern an sonnige Stunden.

Mit beiden Händen rupft sie an einem Papiertaschentuch. Der Mann schaut betreten in den Tisch hinein. Nur einmal streicht er leise mit der Faust über ihre Wange. Kein Wort fällt, offenbar ist alles schon gesagt.

Der Ober bringt mit ungerührter Miene die Bestellung – zwei Glas Cognac. Morgens um halb neun.

© Monika Bundt