Zwei Cognac

Erinnerung an den Marmorsaal, ein besonderes Restaurant im oberen Gleisbereich des Salzburger Bahnhofs.

Durch die gläserne Oberlichtdecke fällt diffuses Licht auf eine Vielzahl kleiner weiß gedeckter Tische. Vier wuchtige Marmorsäulen aus dunkelrotem Korallenmarmor ragen Richtung Decke. Auch tagsüber strahlen sanft die mannshohen Stehlampen mit Schirmen aus honiggelbem Pergamentpapier. In gläsernen Vitrinen warten Guglhupf und Apfelstrudel. Es gibt keinen schöneren Platz, um die Wartezeit auf den nächsten Zug zu verbringen.

An einem Montag Morgen betrete ich den Marmorsaal. Eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Zuges - die ideale Zeitspanne für ein einfaches Frühstück. Nur ein halbes Dutzend Tische sind besetzt.

Der langgewachsene Ober, seriös schwarz-weiß gekleidet, schlängelt sich mit geübtem Hüftschwung durch die Tisch-Landschaft. Er bringt auf einem silbrigen Tablett Kaffee und eine flache Maschinensemmel. Ein Würfelchen Butter liegt daneben und ein aufgebackenes Croissant. Egal, ich genieße das Frühstück, die Atmosphäre in diesem eigenem Kosmos und hole die Tageszeitung vom Zeitungsständer.

Plötzlich tönt das laute Schluchzen einer Frau durch den Saal! Dann noch ein Schluchzer, so eindringlich, dass er das laute Sprudeln des Wandbrunnens aus Marmor übertönt. Vorsichtig spähe ich auf die Quelle des hörbaren Unglücks.

An einem Tisch sitzt ein Paar, ein ungleiches Paar. Er ein Mittvierziger im Business-Anzug und Krawatte. Der Haarschnitt akkurat, neben dem Stuhl ist eine schwarze Aktentasche abgestellt. Seine Begleiterin ist halb so alt, dichte blonde Locken umrahmen ihr hübsches rundes Gesicht, die kleine Nase rotverweint. Sie trägt ein hellblaues Kleid, die nackten Füsse in den Sandalen erinnern an sonnige Stunden.

Mit beiden Händen rupft sie an einem Papiertaschentuch, mit dem sie sich gerade die Augen wischt. Der Mann schaut betreten in den Tisch hinein, nur einmal streicht er leise und zärtlich mit der Faust über ihre Wange. Kein Wort fällt, offenbar ist alles schon gesagt. Der Ober bringt mit ungerührter Miene die Bestellung – zwei Glas Cognac. Morgens um halb neun.

© Mo Bundt