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Es wird dunkel, doch da sind die Sterne

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Es wird dunkel, doch da sind die Sterne | story.one

Wenn es dunkel genug ist, sehen wir die Sterne.

Während viele in Angststarre verfallen, glitzern die Frühlingsblüten in der Sonne in strahlendem Weiß.

Während sich viele durch die Umstände angegriffen fühlen, blockiert durch den engen Raum und die stornierten Reisen und wütend um sich schlagen, wird die Luft reiner, das Wasser blauer, das Zwitschern der Vögel lauter.

Während einige im Supermarkt Klopapier aus fremden Einkaufswägen stehlen, bietet ein 70-jähriger Priester in einem italienischen Spital sein Beatmungsgerät einem Jüngeren an. Und stirbt.

Während manche sagen, Bleib zu Hause, schau auf dich, ist es die Zeit der Helfer, die sich durch die leeren Straßen Wiens verteilen wie die Ameisen. Sie krempeln die Ärmel hoch und stellen die eine richtige Frage: Was brauchst du gerade?

Ich verstehe jetzt, was meine Mutter meinte, mit ihren Worten: Das Leben ist schön. Es ist dynamisch. Und während ein Sturm anbricht und ganze Häuser zerfallen, gibt es bereits im schlimmsten Regen diejenigen, die draußen stehen und bauen. Und nicht alles betrifft Covid19. Schon in einem Jahr kehren wir vermutlich zu unserer Routine zurück, vergessen viele dieser guten Gewohnheiten und schauen wieder auf uns selbst. Nehmen zu viel, erwarten noch mehr und Geben zu wenig.

Aber eines spüre ich gerade: Was bleibt, wenn ich gehe. Wenn ich gehe, würdest du es nicht merken. Denn du hast mehr gewollt, als du zu Geben bereit warst. Dass das ein Spiegelbild deines Charakters ist und nicht mein Nicht-Genug-Sein merke ich erst jetzt. Und ich spüre die neuen Blüten, während auf meinem Handybildschirm ein gemeinsamer Kaffee am Morgen getrunken wird, während wir am Telefon gemeinsam Kochen, während ich abends eine Kerze anmache und mir über den Laptop vorlesen lasse, singe und jemand für mich Gitarre spielt. Also nein, ich vermisse dich nicht mehr jeden Tag. Und nichts zeigt den Charakter des anderen mehr, als der Sturm, die Krise, der Tod.

Lasst uns auch danach nicht vergessen, wer im Regen stand und für uns gebaut hat.

Und wer um sein Beatmungsgerät kämpfte und wer es freiwillig weiterreichte.

Das war ein kreativer Text von mir, denn während dieser schweren Zeit kämpfe ich auch bereits seit vielen Monaten mit starkem Liebeskummer. Was mir jetzt Mut macht ist die Menschlichkeit, die sich in jeder Not finden lässt. All die Menschen, die sich jetzt melden, alle die Möglichkeiten, die Online auftauchen. Und die Gewissheit, dass mir meine Nachbarn die Hand reichen würde, wenn ich darum bitte. Dabei haben wir uns vorher nie mehr zu sagen gehabt als "Hallo". Einfach, dass ich merke, dass ich nicht so alleine und verlassen auf der Welt bin, wie ich dachte.

© Monika Szelag 26.03.2020

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