Metamorphose

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Metamorphose | story.one

Es war vor mehr als vier Jahrzehnten, als wir zum ersten Mal auf dem neuen Schulhof zum Fahnenappell antraten. Wir waren an diesem sonnigen Spätsommermorgen aufgeregt und voller Spannung, nicht nur, weil ein neues Schuljahr vor uns lag, sondern weil wir dieses in unserer neuen, modernen Polytechnischen Oberschule beginnen würden.

Anstatt zwischen den drei Schulgebäuden, die in unserem langgestreckten Straßendorf standen, zu pendeln, konnten nun alles Schülerinnen und Schüler gemeinsam in einem neuen Gebäude lernen.

Hell und zweckmäßig war die neue Schule, mit damals moderner Technik und hilfreichen Lehrmitteln ausgestattet. Ein Ort realsozialistischer Bildung, die uns dazu befähigen sollte, aktiv am Aufbau des Sozialismus mitzuwirken.

Aber unsere Schule war auch ein Ort, an dem sich Lehrkräfte geduldig um Schüler bemühten. Ein Ort, an dem wir mit wertvollem Kulturgut bekannt gemacht wurden, mit Dichtern und Denkern und ihren Werken und mit der Schönheit klassischer Musik. In der Schule lernten wir, die deutsche Sprache zu gebrauchen und uns mit Hilfe von Fremdsprachen zu verständigen. Wir strengten uns an – mehr oder weniger -, wenn wir uns mit herausfordernden mathematischen Problemen beschäftigten und die Lehrer versuchten, uns die Grundlagen der Naturwissenschaften beizubringen.

Metamorphose, so lernten wir im Biologieunterricht, ist die Entwicklung von Tieren.

Metamorphose, so lehrte uns das Leben, kann schmerzhaft sein, und doch ist nicht nur im Tierreich manchmal eine Umgestaltung, eine Verwandlung nötig.

Auch unsere Schule hat sich verwandelt. Niemand hätte bei der Einweihung gedacht, dass nicht einmal zwanzig Jahre später das Schulgebäude überflüssig sein würde. Aber einzügige Schulen sind nicht effektiv. So kam es, dass in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunächst die Mittel- und später auch die Grundschüler mit dem Bus in die Kreisstadt zum Unterricht fahren mussten.

Vor zwei Jahren brachte mich ein Klassentreffen dazu, nach langer Zeit die nun in die Jahre gekommene Schule wieder zu betreten. An den Wänden hingen keine Wandzeitungen mit politischen Parolen und kein Honeckerporträt mehr.

Dafür ist ein Kreuz zu sehen– dort, wo sich jetzt Christen zu ihren Veranstaltungen treffen.

Doch nicht nur das: Es gibt einen Sportraum, Raum zum Feiern, für Tauschbörsen, für Frauen- und Seniorentreffen. Weil es Frauen und Männer gibt, die eine Vision für dieses alte, scheinbar nutzlos gewordene Gebäude haben und nun mit viel Engagement an der Verwandlung der ehemaligen Schule zum Dorfgemeinschaftshaus arbeiten, ist hier ein Ort entstanden, an dem sich Menschen treffen und Leben teilen können: Vereine und Familien, Alte und Junge.

Ein Ort zum Leben.

Und immer noch zum Lernen – denn auch, wenn man nicht mehr mit 30 anderen Schülern in einer Klasse sitzt und dem Lehrer lauscht: Lernen, sich weiter zu entwickeln, sich zu verändern hört nicht auf.

© MotherGoose 21.09.2019