50:50

Hirnaneurysma. Heutzutage kennt jeder dieses Wort. Wird es in Arztserien gesagt, bei Greys Anatomy oder Emergency Room, dann laufen die Mediziner hektisch umher, und am Ende liegt ein Patient mit offenem Schädel auf dem Operationstisch. Oder in der Pathologie.

Ich war 16 Jahre alt als ich es das erste Mal hörte. Hirnaneurysma. Eine beerenförmige Erweiterung von Blutgefäßen im Gehirn. Füllt man eine Wasserbombe pausenlos mit Leitungswasser wird sie irgendwann platzen. Und so ein Ding hatte meine Mutter im Kopf, nur kleiner und voll mit Blut. Zwei, um genau zu sein, eines hatte sich bereits ergossen, das andere war kurz davor.

Das hier ist keine Geschichte über Verlust oder Behinderung, es wird niemand zu Grabe getragen, es ist eine Geschichte über das Vergessen, über das Verdrängen vielmehr. Monate meines Lebens fehlen mir. Sie wurden überspielt, vielleicht mit fröhlicheren Bildern, vielleicht auch nur gelöscht. Meine Mutter am Rollator – weg. Meine Mutter auf Entzug, weil sie Schmerztabletten nehmen musste wie andere Tic Tacs naschen – weg. Meine Mutter, die gehen und greifen lernte wie ein Kleinkind – weg. Später werden meine Freunde sagen, sie hätten während ihrer Krankheit an mir keine Veränderung bemerkt, ich sei wie immer gewesen, sogar vergnügt. Die schmerzhaftesten Situationen im Leben kann man verdrängen noch während sie passieren.

Ein paar Bilder sind noch da: Wie mein Vater regierte, als ihre mögliche Blindheit thematisiert wurde. Wie ich sie zu Weihnachten umarme, zu fest, meine Schulter an ihre Stirn mit der Narbe, und sie zusammenbricht. Wie der Arzt vor der Operation sagt: Die Wahrscheinlichkeit, das zu überleben ist 50:50. Ja oder Nein. Den Abend davor verbrachte sie mit dem Schreiben von Abschiedsbriefen.

Wie gesagt, das ist keine Geschichte über den Tod. Meine Mutter lebt, sie lacht, sie greift, sie sieht, sie könnte tanzen, wenn sie es nur könnte, sie ist kerngesund. Außer einer kleinen Delle, die so flach ist, dass nicht einmal eine 1-Cent-Münze hineinpasst, ist ihr körperlich kein Schaden geblieben.

An Tagen, an denen sie mir zu 100 Prozent auf die Nerven geht, sage ich nichts und lächle. 50:50. Das vergesse ich nie.

© MP