Das Leben ist kurz

Das Leben ist kurz. Das wissen wir alle. Und trotzdem leben wir manchmal, als wären wir unsterblich. Als hätten wir für alles, was wir im Leben erreichen und erleben wollen unendlich viel Zeit! Als könnten wir alles auf irgendwann aufschieben und wenn wir dies oder jenes geschafft haben, dann machen wir dann bestimmt das, was uns glücklich macht. Oder in der Pension, dann kann man ja immer noch reisen, einen Mal-oder Fotokurs besuchen oder sich den Traum, einen eigenen Hund zu haben, erfüllen. Wir gehen oft auch mit unseren Mitmenschen so um, als ob sie selbstverständlich immer an unserer Seite wären und wir später immer noch Zeit hätten, uns zu entschuldigen oder uns mit ihnen zu versöhnen. Aber das Leben zeigt uns leider immer wieder, dass es nicht so ist.

Ich fuhr heute in die Schweiz zu einer Trauerfeier, denn vor zehn Tagen starb mein „Götti" (Patenonkel) an einem Herzinfarkt. Es war für alle ein großer Schock, dass er mit 63 Jahren so plötzlich aus dem Leben gehen musste. Noch vor Weihnachten habe ich eine Sprachnachricht von ihm erhalten, in der er mir von seinen Plänen fürs neue Jahr erzählte. Und obwohl ich Trauer verspühre und heute kein einfacher Tag war, auch weil er seit der Schulzeit der beste Freund meines Vaters war, und ich mit ihm mitfühlte, lerne ich einmal mehr etwas aus dem Leben.

Mit 58 Jahren beschloss mein Götti, seinen Job als Schulleiter zu kündigen und seine Leidenschaft, die Fotografie, zum Beruf zu machen. Nachdem er erstmals auf Weltreise ging, begann er ein Fotografie Studium. Er hätte auch denken können: „Sobald ich pensioniert bin, werde ich meiner Leidenschaft nachgehen!“. Er hätte dann vielleicht noch fünf Jahre unzufrieden in seinem alten Job verweilt und immer auf den Tag seiner Pensionierung hingewartet, ohne zu wissen, dass es nie zu diesem Tag kommen würde. Stattdessen erfüllte er sich seinen Traum und schoss tatsächlich wunderschöne und eindrückliche Bilder, die sogar in Ausstellungen zu bewundern waren.

Wir können zwar nicht alle sofort unseren Job kündigen, da heute ja unser letzter Tag im Leben sein könnte, und wir den vielleicht nicht unbedingt im Büro, an der Kasse oder in einem Meeting verbringen wollen. Aber wir können uns zumindest darüber Gedanken machen, ob wir grundsätzlich das tun, was uns glücklich macht oder ob wir auf dem Weg dorthin sind. Wenn ich ehrlich bin, gibt es einiges, was ich anpacken und ändern will. Und wenn mir das Leben eine solche Lektion erteilt, dann werde ich mir das zu Herzen nehmen. Manchmal verfliegen die Tage und wir leben im Alltag so dahin und machen uns teilweise kaum Gedanken darüber, wie wir tatsächlich leben wollen und jammern nur über das, was uns stört und ändern aber nichts. Es ist jedoch nie zu spät, nochmals etwas Neues anzufangen oder auszuprobieren, sich beruflich neu zu orientieren oder sich bei jemandem zu entschuldigen. Und doch kann es irgendwann zu spät sein. Oft sind es Kleinigkeiten, die viel ausmachen. Wir müssen es nur tun, bevor es zu spät ist.

© Mrs_Bortolotti