Der kleine Kämpfer

Mein Leben schien perfekt. Ich hatte einen super Job und einen wunderbaren Mann an meiner Seite, wir kauften uns ein Haus und heirateten. Ziemlich genau ein halbes Jahr nach der Hochzeit wurde ich schwanger. Schon seit Jahren wünschte ich mir meine eigene Familie und ich freute mich riesig Mama zu werden! Ich bewunderte schwangere Frauen schon immer und konnte es kaum fassen, nun selbst eine Frau mit Kugel und dieser speziellen Ausstrahlung zu werden. Jedoch kam alles irgendwie anders..

Bereits ab der sechsten Schwangerschaftswoche kämpfte ich mit extremer Übelkeit. So oft musste ich auf dem Weg ins Büro mit dem Auto irgendwo anhalten, aussteigen und mich am Straßenrand übergeben. Kaum im Büro angekommen rannte ich als erstes zur Toilette, das selbe nach dem Mittagessen, beim Kochen oder kurz vor dem Schlafengehen. Schon bald musste ich ins Krankenhaus um mit Infusionen wieder aufgepäppelt zu werden.

In meiner 13. Schwangerschaftswoche stellte sich heraus, dass das kleine Wesen in mir aus irgendeinem Grund nicht pinkeln konnte. Es hatte bereits angefangen Fruchtwasser zu trinken, aber der Urin staute sich in seiner Blase und konnte nicht wieder ausgeschieden werden. Das Problem kommt zum Glück zwar nur sehr selten vor, würde aber, wenn es sich nicht von selbst wieder lösen würde, zu komplizierten Eingriffen im Mutterleib führen. Die Chancen, dass das Baby es bis in die 16. Schwangerschaftswoche schaffen würde, in der man frühestens den ersten Eingriff planen könnte, waren gering.

Die Diagnose war wie ein Faustschlag ins Gesicht. Zum Glück hatte ich einen starken Mann an meiner Seite. Er ermunterte mich immer wieder, mir keine Sorgen zu machen, sondern einfach die nächste Untersuchung fünf Tage später abzuwarten. Diese fünf Tage kamen mir jedoch wie eine Ewigkeit vor, denn ich verbrachte sie im Krankenhaus, da ich erneut so viel erbrechen musste, dass ich es kaum noch die Treppe zum Schlafzimmer hoch schaffte. Egal wohin ich meine Gedanken zu lenken versuchte, sie kamen immer wieder auf das kleine Baby in meinem Bauch zurück. Unterdessen wussten wir, dass es ein Junge war. Wir nannten ihn Ben, da wir nicht wollten dass er, falls er den Kampf in meinem Bauch nicht schaffen würde, diese Welt anonym verlassen müsste. Immer wieder betete ich um ein Wunder. Er musste nur pinkeln! Was für uns etwas so alltägliches und normales ist, schien für mein Baby unmöglich und würde ihm aber das Leben retten. Ich traute mich kaum zu hoffen, denn auch die Ärzte hatten uns keine Hoffnungen gemacht. Doch das Leben steckt immer wieder voller Überraschungen. Und in den schwersten Stunden geschehen manchmal Wunder. Denn die lang ersehnte Untersuchung zeigte tatsächlich, dass sich die Blase entleert hatte! Das war das einzig Wichtige an diesem Tag! Dass die Nierenbecken noch gestaut waren und was das für die Zukunft bedeuten würde, würden wir später noch erfahren. Hauptsache war, dass unser Baby gepinkelt hatte und dass es leben würde!

© Mrs_Bortolotti