Urlaub mal anders

„Hamburg ist toll!“, sagten alle! Ja, ich freute mich. Aber ich fürchtete mich auch vor dem, was mich dort erwarten würde.

Meine Schwester kam vor einem Jahr nach einem Musikfestival in Deutschland nicht mehr zurück. Sie hatte sich verliebt und hatte nicht mehr vor, nachhause zu kommen. Im Winter verbrachte sie dann fünf Monate in einem Park inmitten der Stadt auf einem Baum, um gegen den Bau einer Fernwärmetrasse zu protestieren. Seither lebte sie in einem Zirkuswagen in einer Hippiekomune, wo früher ein Schweinehof war. Dort wollte ich sie nun in meinen Sommerferien besuchen. Ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und hoffte insgeheim, durch meinen Besuch unsere Differenzen beseitigen und sie von einer Rückkehr überzeugen zu können.

Zum Glück hatte ich schon den Koffer gepackt gehabt, denn ich hatte verschlafen und hätte fast den Flug nach Hamburg verpasst! Meine Schwester holte mich am Flughafen ab und führte mich als erstes zur berühmten Reeperbahn. Das einzige woran ich mich davon erinnern kann, ist das Gefängnis, in dem sie angeblich mal eine Nacht hat verbringen müssen. Der erste Schock. Nachdem sie mir dann den Baum zeigte, auf dem sie gelebt hatte, machten wir uns auf den Weg zur Komune, die ca. zwei Stunden mit dem Zug südlich von Hamburg liegt. Ich musste dringend pinkeln und freute mich auf eine ausgiebige Dusche, denn es war ein heisser Tag und ich hatte in der Früh keine Zeit zum Haare waschen gehabt. Aber - der nächste Schock - dort gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mal fliessend Wasser, geschweige denn ein normales Klo! Die Toilette war ein Plumpsklo, in das man - aus mir bis heute unerklärlichen Gründen - nicht pinkeln durfte! Pinkeln musste man irgendwo, wo man gerade ein möglichst unbeobachtetes Fleckchen im hohen Gras oder hinter einem Bretterhaufen fand. In der Küche, die sich im Hauptgebäude des Hofes befand, stapelte sich das schmutzige Geschirr, über denen sich mindestens zwanzig Fliegen tummelten, denn zum Abwaschen gab es ja auch kein Wasser.

Ich durfte im Zimmer einer Komunebewohnerin, die gerade auf einem Festival war, übernachten. Das war lieb gemeint, aber bewahrte mich nicht davor, eine meiner schlimmsten Nächte zu erleben. Ich ekelte mich vor dem Bettlaken, das sicher schon seit Wochen nicht mehr gewechselt worden war, mir war kalt und plötzlich spürte ich, wie mir Käfer übers Gesicht liefen. Ich weinte bitterlich. Aus Selbstmitleid. Und aus Trauer darüber, wie und wo meine Schwester nun lebte. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge schliessen. Am nächsten Morgen brachte mir meine Schwester einen heißen Milchkaffee. Ich glaube, mir hat noch nie ein Kaffee so gut geschmeckt wie an diesem Morgen! Er fühlte sich für mich wie ein rettender Schluck Wasser in der Wüste an.

Danach spazierten wir zu einem zwei Kilometer entfernten Freibad, wo ich endlich duschen und mir die Haare waschen konnte - natürlich nur mit kaltem Wasser!

Was nimmt man nicht alles auf sich für eine Schwester, die man liebt!

© Mrs_Bortolotti