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Reparaturarbeit

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Reparaturarbeit | story.one

Matrixe,

ich danke Dir so sehr für Deine Worte. Sie haben mir geholfen. Gegen Liebeskummer.

Vor wenigen Tagen noch waren die Worte von ihm, von Chris, in meinem Kopf und hämmerten schmerzvoll dagegen. Endlosschleife. Schlaflosigkeit. Der Schmerz war betäubend und dann hast du mir eine Nachricht geschrieben. Dass ich die Sichtweise wechseln sollte, darauf achten soll, was ER vielleicht denkt.

Ich habe seine Worte also frei gelassen. Sie schwebten noch eine Weile über mir, aber waren raus aus dem Kopf. Dann habe ich geschrieben. Gedankensortierarbeit. Und irgendwann wurde mein Kopf leerer. Zurück blieb zwar noch Traurigkeit und Verzweiflung aber auch der Gedanke: Ja, ich spüre nur MEINEN Schmerz, doch ganz sicher: hat er auch seinen Rucksack zu tragen und eine Wunde, die heilen muss. Ganz sicher haben wir beide im falschen Moment so reagiert, wie keiner es wollte.

„Du liebst ihn, er liebt Dich. Du passt auf ihn auf, er auf Dich.“ hast du gesagt. So einfach. So schön. So, wie es vor unserem Streit ja war. Erinnerungen und das Jetzt teilen und Zukunftspläne schmieden. Und warum sollte sich daran etwas ändern, denn Worte sind Worte und können mit neuen Worten erklärt und bereinigt werden. Theoretisch. Die Angst war noch da: Was, wenn etwas zurück bleibt? Ein Riss, der wieder aufreißen kann? Kann man Herzmuschelscherben wirklich vollständig kleben, ohne dass eine Sollbruchstelle entsteht?

Ich hab seine Nummer gewählt. Am Telefon geweint. Wir haben erklärt und zugehört und den anderen verstanden. Und auch, wenn er weit weg war, war es doch so, als würde er plötzlich neben mir sitzen und mich mit braunen Augen ansehen und mir durchs Haar fahren und sein „Ich liebe Dich“ war wie eine physische Umarmung, die mir neue Kraft gegeben hat. Der Boden, auf dem ich stehe, schwankt nicht mehr. Meine Herzmuschelscherbe ist repariert. Vollständig. Es gab keinen Riss, habe ich sofort gemerkt. Denn eines haben wir schon immer gekonnt, Chris und ich: über alles zu reden. Sichtweisen anhören und dementieren oder zustimmen. Nur dieses eine Telefonat war einfach ein Desaster. Wir wissen jetzt, wie es sein kann: so ein Streit in einer Fernbeziehung.

Und weißt Du, was magisch war? In das Schlafzimmer von Chris hat sich abends durch die offene Terrassentür ein Glühwürmchen verirrt. Da waren wir noch jeder auf unsrer Seite des Konflikts, unsre gemeinsame Welt war da noch eine Baustelle. Ein einziger heller Fleck in der Dunkelheit. Er hat es mir geschrieben und in diesem Moment wusste ich: dass unsere gemeinsame Welt noch existiert. Dass die Baustelle zwar da ist und den Zugang erschwert, aber dass es Werkzeuge gibt, um die Welt wieder betretbar zu machen: ein Telefon, Stimmen und Ohren und vielleicht einen Wegweiser, der ein Glühwürmchen sein kann und magisch wirkt. Vor allem jedoch dieses Gefühl, das einem sagt, das einzige worauf es ankommt ist: Liebe.

Ich bin zurück. Aus Urlaub & Schmerz. Alive. Was ist bei Dir noch passiert, als ich weg war?

Mrs_Braunburg

© Mrs_Braunburg 30.06.2020

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