Rot

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Rot | story.one

Es klingelt. 12:35 Uhr, die Zeit der Paketboten. Der kennt mich ja und weiß, wie ich aussehen kann: Bademantel oder Jogginghose oder mit Radfahrhelm oder mit Zahnbürste im Mund. Ich selbst bringe ja auch Pakete und darf auch wissen, wie ein erschöpfter Geschäftsmann Samstag beim Frühstück aussieht oder eine Frau, die man bei der Gymnastik stört.

Struppige Haare, also. Nerdbrille, Fleck auf der Shorts. Gibt schlimmere Tage. Außerdem schmückt mich ein fleischfarbener Kompressionsverband (O-Ton Arzt: „Der oder Thrombosespritzen?“) und verhüllt den riesigen Bluterguss, der farblich zu meinen grünen Socken passen würde.

Dann, der Schreck! Kein Paketmann! Nein, es ist jemand, der locker gegen 17:30 Uhr angekündigt war. Ein Mann. Ein Autor. Für den ich dann auch das passende Outfit angehabt hätte (Blumenmuster-Socken vielleicht und kein Tshirt, dass so rot ist, dass man denken könnte, ich hätte gerade Experimente mit roter Beete gemacht.) Ich bin erschrocken, aber freue mich innerlich. Der Schreck ist größer, denn ich sage: „Du kannst nicht einfach so vorbei kommen, ich koche gerade...“ (in echt waren es Kartoffelecken mit Quark, vom Kochen weit entfernt.) Das sage ich, wegen meiner Unsicherheit. Weil ich von mir genervt bin, dass ich noch immer nicht gelernt haben, perfekt gestylt die Tür zu öffnen, wie andere in meinem Alter. „Moment, bin gleich da!“, sage ich. Tür schließen. Schnell ins Bad. Verdammt, gleich zerspringt der Spiegel! Ich fluche. Gut, Mütze auf. Die Polarmütze, die hält den Kopf zusammen. Schuhe anziehen dauert ewig wegen meiner Verletzung. Dann halt die schmutzigen Winterstiefel, letzte Reinigung Dezember 2019. Passt schon. „An den Schuhen erkennt man den Charakter.“ Was? Nein!

Wir treffen uns im Treppenhaus. Winter-sommerlich gekleidet und bewaffnet mit einem Teller in der Hand. Ich bin aufgeregt. Und schäme mich wegen der unfreundlichen Begrüßung. Ich muss es wieder gut machen! Ich überleg mir was, als wir zum Auto gehen. Die Zeit reicht nicht. Kofferraum auf, Teller hineinreichen, Objekt platzieren, sterben vor Glück! Das Objekt ist viel schöner rot als mein Shirt, aber ich fühle mich plötzlich perfekt gestylt, so rot in rot mit fleischfarbenen Elementen und winterlichem Schweiß an Füßen und Stirn.

Wir schnacken noch kurz, dann fährt er. Und lässt mich zurück mit einem breiten Grinsen und dem Gefühl, dass ich trotzdem völlig in Ordnung bin. Und mit diesem fetten Erdbeerkuchen, den er selbst gebacken hat. Für mich. Gegen Liebeskummer. Es ist eines der schönsten Geschenke, die ich je bekommen habe!

Weey, DANKE! Für jede Erdbeere. Für Deine Zeit, die du aufgewendet hast! Du bist saucool!!! Und vor allem: sorry für den furchtbaren Anblick, den ich dir bot.

Und das nächste Mal: bin ich auch entsprechend angezogen und nett und du bekommst eine Wiedergutmachung! Auf jeden Fall aber: eine Friedhofsführung.

© Mrs_Braunburg 29.06.2020