Das Virus und meine Verwirrung

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Das Virus und meine Verwirrung | story.one

Das Corona-Virus verwirrt mich. Ich merke in mir deutlich eine Verwirrung, sehr unterschiedliche Gefühle begleiten mich. In mir entsteht eine Freiheit, die nur aufgrund der Beschränkungen im Alltag möglich wird. Gleichzeitig spüre ich auch eine Enge, weil es ja tatsächlich Eingriffe in mein selbstbestimmtes Leben gibt. Weiters weiß ich von Altersheimen in Südtirol, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner sehr schnell „wegsterben“, ohne Verabschiedung, ohne Würde, für mich erschreckend. Italien scheint mir als ganzes Land zunehmend traumatisiert zu sein. Meine Schwester in Südtirol arbeitet in einem Alternsheim in der Pflege, von ihr weiß ich von den Vorkommnissen. Es macht mich nur sprachlos, auch Angst entsteht. Was passiert gerade? Es ist sehr schwer in Worte zu fassen. Es ist auf jeden Fall eine bedrohliche Atmosphäre spürbar, die einerseits bagatellisiert oder dramatisiert wird. Eine eigene Position in sich als Mensch zu finden, erlebe ich aktuell als Herausforderung. Auch deshalb bin ich verwirrt. Die kritischen Töne dem Massentourismus in Tirol gegenüber, finde ich genussvoll. Denn das rechte Maß ist hier schon lange verloren gegangen. Eine für mich verwirrende Zeit: bin froh, diese Gedanken niederschreiben zu können. Schreiben tut der Verwirrung gut!

© MS 05.04.2020