#singlestorys

8 Minuten

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8 Minuten | story.one

Graue Schläfen, graue Augen, markantes Gesicht. Nicht mehr ganz jung, einige Furchen an der Stirn und am Übergang vom Wangenknochen zum Kinn. Der Oberkörper markiert eine aufrechte, geradlinige Haltung, ein leuchtend roter Schal an seinem Hals mildert die stolze Erscheinung. Er ist ein schöner Mann.

Das Fenster der einfahrenden Bahn gibt die Aussicht auf ihn für wenige Sekunden frei. Lange genug für ihn um seinen Blick über den Bahnsteig gleiten zu lassen und an mein Gesicht zu heften, lange genug um diesen Blick überrascht -ertappt- mit einem kleinen Lächeln zu quittieren. Verwirrung ist die Folge der morgendlichen Überraschung; ein heißes Gefühl entspringt der Bauchgegend, breitet sich wie ein eruptierender Vulkan in meinem Brustkorb aus, verleitet mein Herz zu einem atemstockenden Zwischenschlag und lässt meinen Geist schlagartig lahm werden wie plötzlich erstarrende Lava. Ich stehe in Türnähe, bin verlegen wie ein Schulmädchen, nicht in der Lage mich souverän nach einem freien Platz umzusehen und der prickelnden Situation mit Charme zu begegnen. 8 Minuten Fahrt.

Vor einigen Wochen hat das Spiel unversehens begonnen. Halb verschlafen bei der morgendlichen Bahnfahrt vor mich hin sinnierend, spüre ich die Blicke des gegenübersitzenden Herrn auf mir ruhen. Aufgeblickt, seinen Blick rasch abgewendet aber bald wiedergekehrt. Nach 8 Minuten Fahrt muss ich raus, er schwenkt höflich seine Beine zur Seite, ich schiebe mich mit einem Lächeln und knappem Nicken zum Dank an ihm vorbei. In der Folge wandle ich reichlich irritiert durch meinen Tag. Seither begegnen wir uns regelmäßig. Glücklicherweise nicht täglich, das würde meine Nerven viel zu arg strapazieren und außerdem jegliche Spannung vermissen lassen. Aber in regelmäßigen, nicht genau vorhersehbaren Abständen. Jedes Mal neuerliche Verblüffung. Als sonst so souveräne und integre Person, lassen mich die Blicke des schönen Mannes in Verlegenheit und Sprachlosigkeit versinken.

Ich habe 8 Minuten zur Verfügung. 8 Minuten, in denen ich Himmel und Hölle in einem durchlebe. Ausreichend Zeit um die Beine zu überschlagen, um einen kessen Spruch loszuwerden, um seinem Blick charmant zu begegnen, um zu stolpern, um meine Handynummer aufzuschreiben, um meine Haare um den Finger zu wickeln, um gewinnend zu lachen. Um wie eine Salzsäule mit Hirn wie Matsch dazustehen und meinen Namen zu vergessen. In 8 Minuten durchlebe ich die Qualen der Befangenheit, schwitze Blut und Wasser, verlerne unerwartet meine Muttersprache, spüre den Boden unter mir wanken. Erhole mich zögerlich, besinne mich meines IQ’s jenseits von 80, kann meine Mundwinkel nicht länger davon abhalten sich nach oben zu ziehen, gewinne allmählich meine Persönlichkeit zurück. Just als ich wieder in meiner Haut angekommen bin, erschreckt mich das Zischen der sich öffnenden Türen. Meine 8 Minuten sind verstrichen, die Menge schwemmt mich auf den Bahnhof hinaus, für heute ist der Zug abgefahren.

© Muriella 17.01.2020

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