CINQUE DONNE

Der rundliche Padrone ringt mit gespielter Verzweiflung die Arme und stöhnt scheinbar gequält auf. Es spielen sich heute ungewohnte Szenen ab in dem kleinen Restaurant an der letzten Straße des winzigen Nestes an der italienischen Amalfiküste. Abseits der großen touristischen Ströme und in der späten Nachsaison verirren sich nicht mehr viele Gäste in das kleine, abgelegene Lokal. Doch heute hat die Meeresbrise fünf adrette Damen zur Tür hereingeblasen, die sich am schönsten Tisch niederlassen und zu speisen wünschen. Der Padrone umschwänzelt die Fünf mit einem nicht enden wollenden italienischen Redeschwall, von dem sie nur die paar Brocken „cinque donne“ verstehen, die zwischendurch immer wieder melodiös fallen. Ganz offenbar kann der Gute es nicht glauben, dass hier gleich fünf auf einen Streich und ganz ohne männliche Begleitung auswärts essen gehen! Natürlich wird auf „weibliche Art“ geordert: das hier bitte aber ohne dem, jenes nur wenn es so und so ist oder sonst lieber statt mit jener Beilage mit einer anderen; wenn das nicht möglich ist, dann nur einen Salat aber ohne dasda oder vielleicht später was anderes, aber das weiß ich noch nicht…. Der Padrone lässt sich in gelungener Schauspielkunst mit gepeinigtem Gesichtsausdruck auf einen freien Stuhl fallen, verdreht verzweifelt die Augen, greift sich spontan ans Herz. „Cinque donne…!“

Der Abend wird sehr lustig; das leckere Essen und den köstlichen Wein reichlich genossen, haben wir unseren Spaß mit dem urigen Wirt, der seinerseits aus dem Abend das Beste herausholt. Zu unserer höchsten Belustigung registrieren wir am Rande, daß in kürzeren Abständen immer wieder einheimische Männer an der Bar auftauchen und uns unverhohlen mustern. Es spricht sich sehr schnell herum, daß es heute was zu beobachten gibt. Da werden offenbar unbemannte Damen von den männlichen Dorfbewohnern auf ihre Brauchbarkeit abgecheckt! Unsere Laune kann das nicht verderben - ganz im Gegenteil- wir lachen laut und viel. Für ein paar Stunden werden Sorgen und Mühen des Lebens einfach beiseitegeschoben, wir tauchen ein in ein unbeschwertes, fröhliches Dasein im Hier und Jetzt. An jenem langen Abend im hintersten Winkel an der Amalfiküste wird eine lang andauernde Freundschaft zwischen fünf doch recht unterschiedlichen Frauen besiegelt.

Diese Szene liegt inzwischen mehrere Jahre zurück. Wir waren am Beginn der Italienreise nur ein Haufen zufällig zusammengewürfelter Teilnehmer aus allen Ecken Österreichs und Deutschlands. Im Verlauf der Reise sind wir fünf zusammengewachsen und der lustige Padrone hat uns ungewollt unseren Namen verpasst. Wir sind die Cinque Donne, wir haben inzwischen mehrere Urlaubsreisen gemeinsam unternommen; trotz teilweise großer räumlicher Distanz stehen wir in ständigem Kontakt. Übers Jahr verteilt besuchen wir uns gegenseitig, ob zum Weihnachtsmarkt in Stuttgart, Sylvester in Berlin oder großes Hallo in Salzburg.

© Muriella