Pünktchen Travolta

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Pünktchen Travolta | story.one

Als ich eintrete, verschlägt es mir den Atem, die Sprache sowieso. Ein großer, schlanker Kerl mit kräftigen Schultern steht mir da in schwarzer Biker-Kluft breitbeinig gegenüber. Unter dem jungenhaften Gesicht lugt zwischen all dem Leder ein rotgetupftes Halstuch frech aus dem halboffenen Reißverschluss hervor. Auf seine Erscheinung bin ich nicht vorbereitet, ich hatte einen klassischen Anzug-Typen erwartet, ältlich und bieder. Ein so plötzlich aufgetauchter blonder John Travolta verursacht mir Schnappatmung und beunruhigend sauerstoffunterversorgtes Hirn. Er fährt sich hastig mit der Hand durchs helle Haar als ob das den helm-verknautschten Zustand noch ändern könnte, bevor er mich mit lausbubenhaftem Grinsen begrüßt.

So sehen meine Begegnungen mit beruflichen Entscheidungsträgern üblicherweise nicht aus. Das hier ist anders. Normalerweise bemühe ich mich um einen nachhaltig guten Eindruck beim Gegenüber, um bei der nächsten Entscheidung hoffentlich berücksichtigt zu werden. Diesmal weiß ich sofort, dass ich mir um guten Eindruck keine Sorgen machen muss. Eher darum, den auf mich gemachten Eindruck zu verbergen.

Befangen malträtiere ich die Kaffeemaschine, die sich bereits mit verärgertem Ächzen gegen meine allzu intensive Beschäftigung mit ihr wehrt. Weil meine Hände nach dem nervenzerfetzenden Drücken durch den attraktiven Hünen ihre Funktionalität verlernt haben und seltsam neben meinem Körper baumeln, beschäftige ich sie mit umständlichem Nachfüllen von Kaffeebohnen.

Tatsächlich aber fesselt mich ein kleiner Leberfleck am Hals von Leder-Blondel, der unter seinen Bewegungen immer wieder neckisch hinter dem getupften Halstuch hervortritt. Zerknitterte Halstuch-Pünktchen geben den Blick auf das anziehende Hautfleckchen frei, um es gleich darauf wieder zu verschlucken. Gefangen im rhythmischen Spiel zwischen den Pünktchen beginne ich, Vampire und ihre Vorliebe für die Region über dem Schlüsselbein zu verstehen.

„Haben Sie vielleicht Milch für mich?“ reißt mich Pünktchen Travolta mit behutsam balancierter Kaffeetasse aus meinen betörenden Beobachtungen. Habe ich und ich hätte da auch noch viel mehr für ihn, was anzubieten nicht nur unschicklich sondern im beruflichen Kontext gnadenlos tabu ist. Die gefühlte Raumtemperatur steigt auf locker 40 Grad, was die Flucht zum Kühlschrank zur gelegenen Rettung macht. Ich verschwinde mit halbem Oberkörper in der Kälte, als ob Milch ein schwer auszumachendes Gut wäre.

Unglücklicherweise rutscht mir im Zuge dessen die Packung kleiner Milchdöschen aus meiner Hand und verteilt sich malerisch um meine Füße. Und was macht da der Blondel der Moderne, der Travolta aus der Bahnhofs-Vorstadt vollkommen Unglaubliches? Er lässt sich zu Boden sinken, geht vor mir auf seine tadellosen Knie! Von unten herauf hält er mir einen Mini-Milchtiegel entgegen und sagt frech: „Geht es Ihnen gut? Sie haben da so rote Punkte am Hals…“ Oh mein Gott!

© Muriella