PEINLICHE (EIN)BLICKE

Es war einer jener Sonntage, die sich gleich morgens als gemütliche Zuhausetage herausstellen weil Regen große Aktivitäten verhindert. Ich zog mir bloß eine Jogginghose und ein weites T-Shirt an und genoss es, in der Wohnung herumzusandeln. Endlich kein Freizeitstress! Kein Kampf ums beste Platzerl am Badesee und kein Druck, den Kollegen morgen optimierte Wochenendaktivitäten präsentieren zu müssen. Nein, Regentage erlauben ein bißchen Musikhören, ein bißchen Lesen und viel zielloses Herumhängen –wahre Erholung!

Als es am Nachmittag zu regnen aufhörte, entschied ich mich spontan zu einer Walking-Runde. Bewegung schadet nicht! Ich war noch nicht lange unterwegs als mir auffiel, daß mich zahlreiche Entgegenkommende eingehend betrachteten –mit unterschiedlichen Mienen. Da durchfuhr es mich mit heißem Schreck: ich hatte an diesem Herumsandel-Sonntag gar keinen BH angezogen! Das war mir bei meinem raschen Aufbruch ganz entgangen und nun bewegte sich meine obere Körperhälfte beim Walken ganz gewaltig. Ich habe oben herum doch beträchtlichen Umfang und wenn kein BH hält, entsteht schlicht Bewegung. Erstaunlich, wie sich jeder Schritt auswirkt auf den Bereich eineinhalb Meter höher. Wenn man erst darauf achtete, fiel einem die kreisende Bewegung immer stärker auf. Buchstäblich bei jedem Schritt. Und erstaunlich, welche Blicke ich damit auf mich zog! Männerblicke natürlich, von Jung bis Alt, manche von spontanem Räuspern begleitet. Manche Männer grüßten mich freundlich obwohl wir uns nie zuvor begegnet waren. Frauenblicke waren weniger freundlich. Auch Kinder schauten; ihre Blicke waren völlig ungeniert.

Das Gefühl der sich bewegenden Oberweite erinnerte mich an meine Jugend. Als ich zwischen 15 und 20 war, habe ich selten BH’s getragen. Das machten damals Viele, da war gar nichts dabei. Damals erntete ich auch viele Blicke aber andere als heute. Das hat nicht allein mit meinem Lebensalter zu tun sondern auch mit Bindegewebe und Erdanziehungskraft.

Ich versuchte, meine Walking-Runde so unauffällig wie möglich fortzusetzen, man muß einen unangenehmen Lapsus ja nicht unbedingt bis zur Peinlichkeit steigern. Allerdings scheiterte ich an einem gewaltigen Regenguss, der mich bis auf die Knochen durchnässte. Nun weiß man, wie sich ein bloßer Busen unter einem klitschnassen T-Shirt auswirkt. Was in Hochglanzmagazinen gut aussehen mag, steht einer Normalfrau in leicht vorgerücktem Alter überhaupt nicht!

Um weitere Peinlichkeiten zu meiden, entschied ich mich, auf den Einbruch der Dunkelheit zu warten. Erst dann wollte ich mich durch unsere Straße bis zu meinem Haus vorwagen. Obwohl ich fror. Das machte die Sache keineswegs besser.

Die Strategie mit der Dunkelheit ging voll auf. Bis ins Stiegenhaus. Das nämlich erleuchtete sich plötzlich taghell und mein sehr unsympathischer Nachbar stand mir direkt gegenüber. Den konnte ich noch nie leiden. Auch nicht, als er mir noch ins Gesicht blickte.

© Muriella