Schlabber

Natürlich hatte ich, so wie im Krankenhaus empfohlen, meine Notfall-Tasche ab dem 7. Schwangerschaftsmonat gepackt. Mittlerweile war ja nicht mehr daran zu denken, in ein Kleidungsstück zu passen, das meiner Konfektionsgröße entspräche. Es waren eher formlose, nur nicht körpernahe, zeltähnliche Gebilde. Vorzugsweise in A-Linie. An normales Schuhwerk war auch nicht mehr zu denken, da man von meinen Wasseransammlungen in den Beinen ein Schwimmbecken hätte füllen können.

Somit war diese Tasche, ohne dass sie es wusste, ein doppelter Hoffnungsbringer für mich. Zum einen wusste ich, wenn sie zum Einsatz kommt wird unser Kind das Licht der Welt erblicken und zum anderen musste ich an die Kleidungsstücke in ihr denken, die ich danach wieder tragen konnte. Jeans ohne Gummianteil und eine Bluse mit Abnähern. Soweit der Plan!

Zwei Monate später war es soweit und er kam ohne Komplikationen zur Welt. Als er mit der letzten Presswehe nach draußen flutschte und dann auch noch sein Interieur hinten nachkam, konnte ich spüren wie mein Bauch wortwörtlich in sich zusammen fiel, weil einfach leer.

Ich ließ mich versorgen und kümmerte mich um das lang ersehnte Wesen, das mir in den Arm gelegt wurde. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, der Besuch seinen Weg nach Hause wiedergefunden hatte und ich nur mehr alleine mit meinem Baby war, schoss es mir wieder durch den Kopf und ich hob die Decke, um die Beschaffenheit meines Bauches zu betrachten.

Was ich da sah, kam nicht mal ansatzweise dem Ursprungszustand gleich. Nein, es war eher eine schwammige Masse. Gedehnte, oder besser gesagt überdehnte Haut, wie Grütze an der Stelle, wo früher einmal mein Feinkostgewölbe war. Ich versuchte mich zu beruhigen. Schließlich lag die Geburt nur ein paar Stunden zurück und bis zum Tag der Heimfahrt würde sich schon alles wieder normalisieren. Und tatsächlich konnte ich eine tägliche Rückbildung spüren.

Als wir dann endlich das Krankenhaus verlassen durften, wollte ich mich selbstverständlich gleich morgens nach der Visite fertigmachen, damit wir nach Eintreffen meines Mannes sofort gehen konnten. Quietschvergnügt holte ich meine Hoffnungs-Tasche aus dem Kasten, entnahm ihr die mitgebrachte Kleidung und freute mich auf meine "alten" Sachen. Voll motiviert stieß ich, beim Versuch meine Jeans hochzuziehen, sehr bald an ihre und meine Grenzen. Pro Forma startete ich einen Versuch mit der Bluse, aber so sehr die Knöpfe treu den Stoff zusammenhalten wollten, dazwischen quoll Mamas Busen raus. Die von mir gefühlte Degeneration fand wohl nur im Leibesinneren statt.

Es blieb mir also nur der Griff zum Telefon, um meinen Angetrauten anzurufen und ihn zu bitten, meine ausgeleierte Jogginghose und ein altes “Nur mehr für zu Hause T-Shirt" mitzubringen. Ja, das mit AC/DC drauf aus dem Jahr 1985. Gut, dass mich kurz darauf mein Kind brauchte und ich den Gedanken “Ich werde NIE WIEDER so aussehen wie früher!” nicht zu Ende bringen konnte.

© Mutterherz-mit-rebellischer-Anmutung