Body Positivity

"Schau mal, wie patschert du schon damals warst!" Meine Mutter lacht.

Wir schauen einen alten Super 8-Film an. Ich bin wohl noch keine zwei Jahre alt, es ist Winter, dick eingepackt in einen Schianzug sitze ich mit roten Bäckchen auf einer großen Rodel und versuche, sie durch Vor- und Zurückrutschen in Bewegung zu bringen. Nachdem das nicht klappt, drehe ich mich um und schaue nach meinem Papa, sage etwas zu ihm. Schließlich erscheint er im Bild und zieht mich samt Rodel weg.

Nicht zum ersten Mal folgt dann eine längere Ausführung, dass ich schon immer dick und ungeschickt gewesen wäre, ganz im Gegenteil zu meiner jüngeren, schlanken und sehr lebhaften Schwester. Meine Eltern finden das lustig und ich kann meiner Rolle als unbeholfener Babyelefant nicht entrinnen, sie klebt an mir fest wie ein ausgespuckter Kaugummi.

Besonders in der Pubertät schmerzen mich derartige Aussagen. Mache ich irgend etwas falsch oder bin in den Augen meiner Mutter zu langsam, tituliert sie mich als Trampel oder Elefantenkuh. (Erst viel später versöhne ich mich mit diesem klugen und sanften Tier...)

"Ziag die Wampn ein!!!" ...klingt mir auch noch immer in den Ohren. Und viele viele Jahre lang hab ich das gehorsam getan. Hab mich, rücklings am Boden liegend, mühsam in hautenge Jeans gequetscht, millimeterweise den Reißverschluß hochgezogen...und konnte dann darin kaum atmen. Aber mein Bauch war weggedrückt, zusammengequetscht und ich hatte das Gefühl, nur so halbwegs "dazuzugehören". Bei 1,80 trug ich damals Größe 42.

Dass ich meist keinen BH trug, gefiel meiner Mutter gar nicht. Sie warnte mich eindringlich, dass ich bestimmt später einen Hängebusen bekommen würde. (Wobei sie sich da auch etwas deftiger ausdrückte!)

Erst in meiner ersten Schwangerschaft begann ich zaghaft, meinen Körper zu mögen. Der Bauch durfte sich nun runden und ich musste ihn (endlich!) nicht mehr verstecken. Stolz trug ich ihn vor mir her und fühlte mich weiblich und ja, sogar ein bißchen schön.

Ich bin mit meinen mittlerweile 52 Jahren noch immer auf dem Weg, mich selbst wirklich zu akzeptieren und genauso anzunehmen, wie ich eben bin, mit allen körperlichen Makeln, mit jeder Speckrolle, mit jeder Delle auf meinen Oberschenkeln und auch mit meinen Dehnungsstreifen am Bauch, der damit zeigt, dass er zwei wunderbare Kinder ausgetragen hat.

Meine Nase, die oft zur Zielscheibe des Gespötts wurde ("Da kommt die Geierwally!"), wollte ich schon als Kind operieren lassen. Heute stehe ich dazu, sie gehört genauso zu mir und ohne sie wäre ich nicht mehr ganz ich. Allein die Vorstellung, ich hätte plötzlich ein Stupsnäschen bringt mich heute zum Lachen. Nein, das würde mir gar nicht stehen.

Vielleicht liegt es einfach an der vergangenen Zeit, am Alter oder an der Verschiebung meiner Prioritäten im Leben, dass ich mir (endlich) immer weniger draus mache, wie dick oder weniger dick ich gerade aussehe in dem, was ich anziehe. Body Positivity- eine neue Bewegung, die mir gefällt!

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