das Geschenk

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das Geschenk | story.one

Meine Großmutter war eine sparsame Frau. Geboren um die Jahrhundertwende, aufgewachsen mit mehreren Geschwistern in eher ärmlichem Umfeld war sie es von Kindheit an gewohnt, keine großen Ansprüche zu stellen und dazu stets einen Notgroschen beiseite zu legen.

Stephanie war gelernte Schneiderin und kleidete die gesamte Familie ein, aus einem alten Mantel nähte sie neue Kleidchen für ihre Töchter, wurden diese zu klein, stückelte sie einfach unten etwas an. Abgewetzte Ärmel und Strümpfe wurden gestopft, Schuhe so lang zum Schuster gebracht, bis wirklich nichts mehr zu machen war und ein neues Paar her musste. Auf jedes Möbelstück wurde lang gespart. Auch beim Kochen machte die Not sie erfinderisch, fauliges Fallobst wurde sorgfältig ausgeschnitten und Kompott daraus gekocht, Brotsuppe aus alten Rinden machte satt, wurmige Erbsen eingeweicht, bis die Würmer obenauf schwammen und abgeschöpft werden konnten...ich lauschte schon als Kind staunend und bewundernd ihren Geschichten.

Mein Großvater war in jungen Jahren wohl eher ein "Hallodri", er war Kellner in einem gediegenen Wiener Kaffeehaus direkt neben dem Rathaus. "Collonaden" hieß es, heute ist ein Restaurant dort. Seinen Lohn trug er gern in die Wirtschaft und genehmigte sich das eine oder andere Glas Wein, bis ihn seine Frau (leicht erzürnt) dann irgendwann spätabends persönlich abholen kam. Als es dann eines Tages hieß, er hätte die Köchin geschwängert (was sich dann jedoch als nicht wahr herausstellte, so wurde mir erzählt), drängte meine Großmutter ihren Mann, umzusatteln und so gab er nach und wurde erst Schaffner und später Straßenbahnfahrer. Praktischer Weise war die Remise gleich gegenüber dem Gemeindebau, in dem das junge Paar 1929 eine Wohnung beziehen konnte. Nächtelang lernte meine Oma mit ihrem Mann für die Prüfung, während sie nebenbei in Heimarbeit Näharbeiten für die Nachbarschaft erledigte.

Viele Jahre später, als ihre drei Töchter bereits erwachsen waren, zog sie dann auch noch mich, ihr Enkelkind groß und auch ich erlebte sie als sehr sparsam und gut organisiert. Nie gönnte sie sich etwas, sie schaute immer nur darauf, dass alles im Haushalt seine Ordnung hatte und sparte weiterhin eisern. Mein Opa hatte es also nicht leicht, ihr zu besonderen Festtagen eine Überraschung zu bereiten. So sehr er sich auch Mühe gab bei der Auswahl, alles war ihr zu teuer oder unnötig; praktisch und genügsam, wie sie veranlagt war.

Bis ihm eines Tages - vermeintlich- DIE Idee schlechthin kam. Er wollte ihr zu Weihnachten etwas Bleibendes, Sinnvolles schenken und lief wochenlang mit einem breiten, vorfreudigen Grinsen durch die Gegend. Diesmal würde sie glücklich sein. Da war er ganz sicher.

Dann kam die Bescherung- im doppelten Sinn...

Meine Oma öffnete ein Kuvert und zog ein Foto heraus. Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Begann zu weinen. Dann ging sie wortlos in die Küche.

Auf dem Foto war ein Grabstein abgebildet, schon mit eingraviertem Namen...

© Mymoments 23.06.2019