Der Mann mit dem Messer

Wir hatten unser eigenes kleines Lagerfeuer auf dem Sandhaufen.

Das richtige, große war etwas abseits. Die Erwachsenen saßen rundherum, auf Campingsesseln und Bierkisten. Führten langweilige Erwachsenengespräche. Tranken Bier und lachten laut. Reste des Spanferkels hingen noch am Spieß. Stundenlang hatten wir Kinder ihn gedreht, abwechselnd. Die Grausamkeit, die dem Schweinchen davor widerfahren war, hatten wir ausgeblendet. Alle taten so, als wäre das eh ganz normal. War es wohl auch, hier auf dem Land, unter Bauern.

Es hatte so entsetzlich laut gequiekt. Als es in einem Kartoffelsack verschnürt zu Füßen meiner Mutter am Beifahrersitz vom Bauern zum Schlachter transportiert wurde. Wir Kinder am Rücksitz konnten es nicht retten. Hatten es aber inbrünstig versucht. Keine Chance.

Beim Schlachten ließen sie uns nicht zuschauen. Danach war es ruhig im Kartoffelsack...

Wir weigerten uns, vom knusprigen Fleisch zu kosten. Blieben bei Ofenkartoffeln. Brutzelten Löwenzahnblüten an. Stocherten mit Ästchen in der Glut herum. Probierten aus, wie nah wir unsere nackten Zehen ans Feuer halten konnten, ohne uns zu verbrennen.

Es war schon dunkel, am Himmel tausend Sterne. So viele konnte man in Wien nie sehen. Hier im Waldviertel war alles anders. Grillengezirpe. Der Geruch nach Wiese und Wald und Misthaufen vom Nachbarbauern. Plumpsklo. Das Gackern der Henderln, das Summen der Bienen. Glockengeläute. Ein Bach gluckerte ganz in der Nähe und es gab sogar ein kleines Moor, das wir nicht betreten durften. (Nachbarskinder zeigten uns einmal heimlich einen sicheren Weg hindurch, war das ein Nervenkitzel!)

Für uns war das immer wieder ein großes Abenteuer.

Im Schein der Flammen sah jemand von uns plötzlich an der Ecke zwischen dem großen Holzstoß und dem Holzschuppen einen Mann. Mit einem Messer. Wer da zuerst geschrien hat, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht wussten wir es damals auch gar nicht wirklich. Jedenfalls schrien plötzlich alle! Wir ängstlichen Stadtkinder und auch die einheimischen, mutigen Bauernkinder.

Ich war überzeugt davon, dass uns niemand glauben würde. Meist hieß es, das hast du dir nur eingebildet. Bei Monstern unterm Bett zum Beispiel oder bei Schatten hinterm Vorhang. Aber heute nahmen sie uns ernst!

Die Männer, darunter mein Vater, mein Onkel und mein Kusin bewaffneten sich mit Taschenlampen, Bierflaschen, Steakmessern und einer holte sogar die Axt aus dem Schuppen. Mutig marschierten sie, manche schon etwas wankend vom Bier, traut vereint im Kampf gegen den Feind einmal rund ums Haus.

Nichts. Keiner da. Ob wir diesen Mann wirklich gesehen hatten, wurden wir gefragt. Na klar, wir waren uns alle einig, da war ein böser Mann mit einem großen Messer. Es hat sogar im Mondlicht geleuchtet.

Wir setzten uns dann sicherheitshalber zu den Eltern ans große Feuer. Man konnte ja nie wissen...vielleicht kam er ja nochmal, der böse Mann.

Vielleicht war er ja der Mörder des kleinen Schweinchens...

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