die reinste Folter

Die Schulglocke läutet. Heute ist es so weit. Sie gibt uns die Matheschularbeiten zurück. Ich hab Bauchweh. Bestimmt ist es sich wieder nicht ausgegangen für einen Vierer.

Dabei hab ich mich wirklich bemüht. Ich hab ja jetzt auch Nachhilfe. Der Papa kann mir ja nicht mehr helfen, der kennt sich selbst nicht mehr aus mit dem, was wir da lernen. Ich versteh eh nicht, wozu das alles gut sein soll. Warum muss ich mich so plagen mit Mathe, wenn ich eh Schriftstellerin werden will? Oder vielleicht auch Lehrerin. Oder Kindergärtnerin. Aber sicher nichts mit Mathe.

Die C. steht bei der Tür und wartet auf die Professorin. Aber die kommt nicht. Umso besser, da haben wir noch eine Galgenfrist. Lustiges Wort. Erinnert mich an das Galgenspiel. Aufhängen. Aber eigentlich ist das gar nicht lustig.

Noch ist alles gut. Noch können wir alle hoffen, dass es wenigstens kein Fünfer ist. Wenn nur das Bauchweh wieder aufhören würde. Mir ist schon ganz schlecht.

Aufgeregt rennt C. zu ihrem Platz. "Sie kommt! Sie kommt!"

Wir stehen alle auf und stellen uns hinter unseren Sessel. Als die Professorin mit ihrem weißen Mantel und der dicken Hornbrille hereinkommt, einen Stapel graue Hefte im Arm, nicken wir mit dem Kopf. Sie hat sie also wirklich mit. Gleich fangt sie an mit dem Verteilen.

Ich spüre, wie meine Handflächen feucht werden.

Frau Professor H. legt die Hefte auf den Lehrertisch und stellt sich vor die Klasse. "Setzen!" Stühlerücken, aufgeregtes Murmeln erfüllt den Raum.

"Die Schularbeit ist schlecht ausgefallen. Ihr habt euch wieder nicht angestrengt! Es ist sich nur ganz knapp ausgegangen, dass wir sie nicht wiederholen müssen!"

Wie immer fangt sie mit den Einsern an. Sie ruft eine nach der anderen auf. Mit Nachnamen. Bei ihr haben wir keine Vornamen. Wir sind nur "die Müllner", "die Haller" oder "die Frank".

Es gibt nur zwei Einser. Keinen Zweier. Ein paar Dreier. Jetzt ist sie schon bei den Vierern, und das sind viele. Eine nach der anderen geht hinaus an die Tafel und holt sich ihr Heft ab. Wird von der Professorin geschimpft. "Du hast wirklich nichts im Kopf!", "Wenn du dich nicht mehr bemühst und endlich etwas lernst, hast du nächstes Mal einen Fünfer!"

Dann steht die Frau Professor auf und nimmt ein Heft in die Hand. Schaut und an. Durchdringend. Sie lächelt sogar ein bisserl. "Das ist der letzte Vierer!"

Oje. Wer bekommt den? Ist das mein Heft? "Bitte bitte, lieber Gott, auch wenn ich nicht an dich glaube, ich werde jetzt jeden Tag beten und am Sonntag in die Kirche gehen, aber lass es mein Heft sein!"

Es ist nicht mein Heft. Meine beste Freundin hat den Vierer geschafft. Sie freut sich. Ich kann mich nicht freuen. Ich hab Angst. Ich hab es wieder nicht geschafft. Ich bin zu blöd für Mathe. Gleich wird mich die Professorin herausrufen und sich wieder über mich lustig machen, vor der ganzen Klasse. Vielleicht auch schimpfen.

Und die Mutti wird auch böse sein. Dem Papa ist das wurscht. Aber mir nicht.

Sie schaut mich an. Ich stehe auf. Zitternd.

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