Dracaena

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Dracaena | story.one

"Schwiegermutterbaum"- laut google auch "Drachenbaum", dabei kann die pflegeleichte Zimmerpflanze bestimmt nichts dafür, dass es Schwiegermütter gibt. Liebevolle, großherzige, freundliche. Aber auch, nennen wir es- mühsame.

Meine allererste Quasi-SchwiMu schloss mich gleich ins Herz. Sie holte mich in Vöcklabruck vom Bahnhof ab. Natürlich war ich schon sehr aufgeregt, meinen ersten "richtigen" Freund auch daheim zu besuchen. Er studierte in Wien und wir hatten uns über ein Inserat im "Rennbahn-Express" kennengelernt. Er wurde in meine Familie ebenso aufgenommen wie ich in seine. Wir waren jung, ich 15, er 17. Sechs Jahre waren wir zusammen und es gab nie Auseinandersetzungen mit unseren Quasi-Schwiegermüttern oder -vätern. Ich konnte mir nichts unter den Geschichten vorstellen, die so über diverse "Schwiegertiger" kursierten.

Bis ich dann, im Alter von 24 und in Erwartung ihres zweiten Enkelkindes meine späteren "richtigen" Tiroler Schwiegereltern kennenlernte. Ihr wunderbarer Sohn (der in Wien studierte) war zwei Jahre jünger als ich und es wurde von ihnen vermutet, ich hätte ihm das Kind wohl "angehängt". Beim ersten Treffen fragte mich SchwiVa, ob ich griechische Vorfahren hätte- wegen meiner großen Nase. Am liebsten wäre ich im Boden versunken.

Es gäbe hier noch viel zu erzählen, über Einmischungen beim Fensterstreichen in unserem Haus in NÖ, beim Einrichten, Kochen, Kinder erziehen bis hin zu persönlichen Angriffen und Verletzungen. SchwiMu schenkte mir zum Geburtstag Algentabletten zum Abnehmen. Ich müsse schließlich auf meine Linie achten, sonst liefe mir ihr Sohn noch davon...Nach 17 Jahren Ehelebens ließ ich Mann, Haus und die Schwiegereltern zurück und zog mit meinen Kindern zurück nach Wien. Und ich muss sagen, es war (nach einer schwierigen Scheidungsphase) letztendlich eine riesige Erleichterung und Befreiung für mich.

Meine letzten "Quasi"-Schwis sind Deutsche. Mein Partner ist zu mir nach Wien gezogen und wir besuchten sie regelmäßig. Seine Mutter war eine liebe und sehr herzliche Frau, sofort mochten wir uns. Leider starb sie vor zwei Jahren, wir waren bis zuletzt bei ihr und ich konnte mich noch gut von ihr verabschieden.

Doch das Schwiegermutterthema ist noch nicht abgeschlossen, diesmal von der anderen Seite her...Die Freundin meines Sohnes mochte mich besonders gern, kam mit all ihren Teenagerproblemen zu mir, schüttete ihr Herz aus, holte sich Trost und Unterstützung. Wir hatten eine sehr gute Beziehung, bis ich offenbar eine Grenze überschritt. Der Hund meines Sohnes tat mir so leid. Er war ja viele Jahre bei mir aufgewachsen, war ein bißchen auch noch immer "mein Hund". Nun sollte er also vegan ernährt wären. Er fraß aber nicht, saß nur traurig vor seiner Schüssel...und ich fragte (mehrmals), ob er ihnen nicht leid täte. Das hätte ich nicht tun dürfen, seither hat sie den Kontakt (nach einer heftigen Standpauke an mich) abgebrochen. Und ich bin nun eine Dracaena...

© Mymoments 11.06.2019