Häusliche Gewalt? - oder: das Wunder

Es läutete Sturm an der Tür. Wir schauten uns an- wer würde wohl gerade jetzt zu uns wollen?

E. ging zögernd zur Tür, ich rief ihm nach: "Bitte mach die Wohnzimmertür zu!".

Barsche Stimmen am Gang, Gemurmel."M., bitte kannst du mal kurz kommen?" Die Hebamme schaute mich fragend an, ich seufzte und stöhnte, eine Wehe war grade wieder im Anrollen. Ich presste zwischen zwei tiefen Atemzügen hervor: "Okay, aber bitte beeil dich!" Endlich. Die Tür wurde geschlossen, beide kamen herein. E. setzte sich hinter mich, so dass ich mich anlehnen konnte und M. wischte mir die Stirn ab. Es wurde jetzt so richtig anstrengend, eine Wehe kam nach der anderen, die Geräusche, die ganz tief aus meinem Bauch kamen und mir Erleichterung verschafften, wurden intensiver und lauter und ich spürte auch schon einen starken Drang zum Pressen. Die Hebamme hatte den Boden schon mit Betteinlagen ausgelegt und alles für die bevorstehende Geburt meines ersten Kindes bereit gelegt.

Die Hocke war auf Dauer zu anstrengend, der Gebärhocker fühlte sich auch nicht richtig an für mich, ich wollte eine andere Position einnehmen...nach einigem Herumprobieren kniete ich mich auf den Boden und schon kam die nächste Presswehe. Ich erinnere mich noch, dass ich etwas zum Festhalten brauchte, ich stützte mich mit den Unterarmen auf einen Stuhl und umklammerte die Rückenlehne, E. hielt ihn fest. Die Hebamme hockte hinter mir und atmete laut mit. Mir war heiß, ich war erschöpft, irgendwie hatte ich schon ganz vergessen, dass ich gerade ein Kind gebar und wollte nur noch, dass es endlich vorbei ist. M. feuerte mich an: "Hab keine Angst, geh durch den Schmerz durch, alles ist gut, gleich ist das Baby da!" und ich presste und presste und gerade, als ich das Gefühl hatte, es geht gar nichts mehr, plumpste sie auf den Boden- die Hebamme konnte meine Tochter gerade noch greifen...

Und dann stand die Zeit still.

Noch heute spüre ich dieses Gefühl. Ganz deutlich nehme ich wahr, wie der kleine Körper aus mir herausgleitet, wie sich eine tiefe Verbindung lockert, wie etwas, das ich neun Monate lang als zu mir gehörend wahrgenommen hatte nun plötzlich nicht mehr an seinem vertrauten Platz ist.

Ich drehte mich um und schaute das Wunder an. Meine Kleine schrie nicht, sie gab nur ein leises Meckern von sich und bewegte ihre Arme, strampelte mit den Beinchen. Und ich konnte es nicht fassen. Wie konnte das sein? Sie bewegt sich, und ich spüre es nicht? Es war mir zu schnell gegangen, dieses Loslassen, diese Trennung. "Was ist denn DAS?" fragte ich, total überrascht. E. hatte Tränen in den Augen, M. lächelte wissend.

Als ich dann mit meinem Neugeborenen auf der Couch lag, fiel mir die Störung wieder ein. "Wer war denn das vorhin," wollte ich nun wissen.

"Ach, nur die Polizei. Die Nachbarn haben geglaubt, dein Mann tut dir etwas an und haben sich Sorgen gemacht", erklärte die Hebamme.

Am nächsten Tag kamen sie mit Blumen, einem Strampler und gratulierten uns.

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