Machtverhältnisse

Als ich meinen übervollen Einkaufswagen um die Ecke schiebe und zur Kassa komme, sehe ich ihn schon von weitem, nach Kundschaft Ausschau haltend...

Montag vormittags kauft es sich angenehm ein, wenig Leute unterwegs, nur ab und zu Einzelpersonen und Arbeiter, die sich in der Pause schnell ein Wurstsemmerl kaufen. Kein Gedränge in den Gängen, keine suchend umherirrenden Ehemänner mit langen Einkaufslisten in der Hand. Keine Großfamilien mit quengelnden Kleinkindern. Die Schulkinder sind brav in der Schule. Sogar die Pensionisten scheinen noch zu schlafen.

Seit ich selbstständig bin, genieße ich meine freie Zeiteinteilung und nütze frequenzarme Zeiten für meine Erledigungen, um dem sonst oft genug auftretenden Streß zu entkommen. Gemächlich spaziere ich durch die Gänge, arbeite meine Liste geruhsam ab. Aber irgendwann ist der Wagen voll und ich muss zur Kassa. Kein Problem, auch hier erwarte ich keine lange Menschenschlange.

Kaum hab ich das Förderband erreicht und ein Packerl Milch darauf abgelegt, wird der Kassierer geschäftig. So schnell, wie er meine Einkäufe über den Scanner zieht, komme ich gar nicht nach mit dem Auflegen. Uff. Der stresst aber. Dabei wartet nach mir überhaupt niemand. Wozu also die Eile?

Zum Nachdenken bleibt mir jedoch keine Zeit, denn schon stellt er die Frage aller Fragen:

"Haben sie eine Billakarte?"

Ich bin noch weit entfernt vom Boden meines Einkaufswagens und schlichte in immer rascherem Tempo Kartoffel, Erdbeeren und eine Zehnerpackung Eier aufs Band. Eine gewisse Struktur einzuhalten- zuerst die schweren Sachen, dann die leichten oder empfindlichen- hab ich angesichts des eingeforderten Affenzahns längst aufgegeben. "Ja, hab ich, aber leider hab ich nur zwei Hände!" gifte ich den jungen Mann an. Er versteht meinen Wink mit dem Zaunpfahl nicht und scannt munter und hurtig weiter.

Okay, kannst du haben, deine Billakarte, schießt es mir durch den Kopf und ich höre sofort auf, weiter wie eine Wahnsinnige Waren durch die Gegend zu schupfen. Langsam krame ich meine Geldtasche heraus und suche unter den vielen bunten Karten die richtige. Finde sie. Überreiche sie mit einem generösen Lächeln. Schwupps, zieht er sie drüber und scannt munter weiter. Am Ende des Bandes stapeln sich inzwischen Flaschen, Becher, Dosen, Schachteln, alles kreuz und quer durcheinander, übereinander.

Ich vermisse innigst meinen Freund. Wenn wir gemeinsam einkaufen, ist es immer seine Aufgabe, alles wieder in den Wagen zu schlichten.

Endlich ist der Wagen leer und das Band voll.

Ich zahle mit Bankomat. Glatt vertippe ich mich mit dem Code. Haha, jetzt kommt noch jemand. Ich bin an der Macht, und ich lasse mir jetzt Zeit.

"Die Rechnung?" lächelt mir der Kassierer zähnefletschend entgegen. Ich schnappe den Bon und beginne, alles wieder in meinen Wagen zu räumen.

Aber er kennt keine Gnade. Wartet keine Sekunde. Scannt drauflos. Das Pärchen hinter mir klaubt schnell seine Sachen zusammen...

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