Wattgasse, forever

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Wattgasse, forever | story.one

Stolz verkündete ich als Kind jedem, der es wissen wollte, wo ich wohne...da gab es zwei Adressen. Die meiner Eltern in Favoriten. Und die meiner Großeltern, in der Wattgasse in Hernals. Da war ich wirklich zu Hause, da gehörte ich hin...hatte ich doch dort meine ersten drei Jahre verbracht und danach auch noch viele Wochenenden und Ferien.

Meine Großeltern waren unter den ersten Mietern, wusste ich von meiner Oma. Sie hatten sich im großen Gemeindebau sogar ihre Wohnung aussuchen dürfen und eine mit Aussicht auf die Remise gegenüber gewählt. Dort arbeitete mein Opa als Straßenbahnfahrer. Meine Oma stand gern am Fenster und beobachtete das Rangieren der Wagen und den Verkehr auf der großen Kreuzung. "Früher war da viel weniger los", erklärte sie mir oft. Naja, das ist nicht verwunderlich, sie wohnte ja schon seit 1929 da.

Und sie blieb auch dort bis zu ihrem Tod. Ihr Leben lang hatte sie (fast) nur in der Wattgasse gewohnt.

Geboren wurde sie am anderen Ende der Gasse, gleich am Anfang, im 16.Bezirk. Die Familie, bestehend aus den Eltern, Bertl, Mitzi und der kleinen Steffi (meiner Oma) bewohnte dort eine Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in zweiten Stock. Ihre Mutter hatte im gleichen Haus ein kleines Geschäftslokal gepachtet und ein Zuckerlgeschäft eröffnet, dessen Lager meine Oma beim Spielen einmal fast in Brand gesetzt hätte...diese Geschichte musste sie mir damals immer wieder erzählen, wie ihr großer Bruder, der Bertl das Feuer gerade noch löschen konnte.

Ein Stück weiter die Wattgasse hinunter war die "Bürgerschule", die Kinder hatten es also nicht weit dorthin. Ausflüge wurden meist nach Neuwaldegg gemacht, mit der "Bim" bis zur Endstation und dann noch ein Stück zu Fuß. Oder auf den Schafberg, die Alszeile entlang und dann quer durch den Friedhof immer bergauf. Die gleichen Spaziergänge machte meine Oma dann auch mit mir. Besonders der Weg zwischen den Gräbern faszinierte mich. Ich lief von Grab zu Grab, bestaunte die Bildchen, später im Schulalter dann las ich alle Namen und versuchte auszurechnen, wie alt die Verstorbenen geworden waren. Und wir sprachen dabei dann auch manchmal über den Tod. "Kannst du dir die Omi mit Flügerln vorstellen?" fragte sie mich einmal. Ich stellte mir ein Engerl vor und musste lachen. Doch zugleich wurde ich ganz traurig, denn meine Oma irgendwann nicht mehr zu haben, das war für mich unvorstellbar!

Sie erzählte mir auch von den Bombenangriffen im Krieg, die meine Mutter schon als Baby miterleben musste. Wie sie im Arm meiner Oma herzzerreißend geweint hatte, als eine Bombe ins Haus gegenüber fiel. Als sie dann voller Angst wieder in ihre Wohnung hinaufkonnten, war nur das Schwanzerl des Keramikhundes abgebrochen, der vom Klavier gefallen war, sonst war alles intakt. Was für ein Glück!

Mein Opa erzählte mir, dass er bei Alarm das Licht in der Straßenbahn abdrehte, die Leute ausstiegen ließ und dann (entgegen der Order) heimfuhr in die Remise. Nur schnell nach Hause, in die Wattgasse!

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