Alte Freunde

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Alte Freunde | story.one

"Was hat es mit Konrad eigentlich auf sich?" Johanna lehnt sich gegen den Türrahmen des Badezimmers. In den Händen hält sie zwei Gläser Wein.

"Was meinst Du?" Marie blickt kurz zu Johanna, stopft dann weiter ihre Haarsträhnen in den Knoten auf ihrem Kopf. Sie streckt eine Hand nach Johanna aus, nimmt ihr ein Glas ab, hebt es hoch. "Prost!"

Johanna prostet zurück. Dann erklärt sie. "Naja, Du regst Dich seit dem Gespräch mit Deinem Vater unendlich über Konrad auf und schimpfst, wieso er jetzt die Pflege übernimmt und Du deswegen mit ihm reden sollst und nach Hause kommen sollst."

Marie nimmt einen großen Schluck Wein und stellt das Glas auf den Waschbeckenrand. "Na, was soll das auch? Wieso kann er nicht einfach einen Pflegedienst engagieren, die haben Ausbildung und die Bezahlung ist klar geregelt." Sie zeichnet mit der Hand eine gerade klare Linie in die Luft. Dann blickt sie in den Spiegel. "Nein, so geht das nicht. Ich seh aus wie ein Huhn." Sie zieht das Haargummi aus dem Knoten und lässt die langen Strähnen hinunterfallen.

"Aber ist es nicht schöner, wenn eine vertraute Person Deinen Vater pflegt?"

Marie schaut in den Spiegel. "Ja schon, aber Konrad ist doch auch nur ein Nachbar."

"Wie lange denn schon?" Johanna beobachtet Marie in deren Spiegelbild.

"Na halt schon immer. Er ist dort aufgewachsen."

Johanna lässt den Blick nicht von Marie. "Wart Ihr befreundet?"

Marie blickt ihr Spiegelbild an und schüttelt ihre Haare. "Was heißt befreundet? Er war ein Nachbarskind. Wir haben gespielt. So wie alle im Dorf."

"Mit manchen spielt man dennoch mehr." hakt Johanna nach.

"Naja, seine Eltern waren oft weg. Klar waren wir viel zusammen. Ich hatte ja auch keine Geschwister."

"Also war er wie ein Bruder." Johanna richtet sich auf, als hätte sie die Erkenntnis des Jahrhunderts.

Maries Hände stocken in der Luft. "NEIN! Also naja... Sag wieso interessiert Dich das alles?" Sie nimmt ihr Weinglas und geht an Johanna vorbei in ihr Zimmer. Die folgt ihr.

"Weil ich Deine beste Freundin bin. Weil ich Dich kenne. Und weil ich mich wundere, dass ich als beste Freundin, die Dich schon Jahre kennt, noch nie von Konrad gehört habe. "

Marie stellt das Weinglas ab und steckt ihren Kopf in den Kleiderschrank. "Könnte ruhig auch so bleiben." spricht sie ihren Klamotten entgegen. Die Antworten nicht. Johanna schon.

"Wann hast Du ihn zuletzt gesehen?"fragt sie und Marie wühlt sich noch tiefer in ihren Schrank hinein. So als könnte sie dort durch eine Hintertür verschwinden.

"Lange her." murmelt sie und hält inne. Sehr sehr lange, denkt sie.

"Wie lange?" fragt Johanna.

Eine Weile ist es still. Dann kehrt Marie aus ihrem Schrank zurück. "16 Jahre." sagt sie und setzt sich auf ihr Bett. Ihr Blick wandert von Johanna direkt in die Vergangenheit. Zurück zu der letzten Begegnung mit Konrad. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

"Oh Mist" sagt Johanna, die Marie eben doch zu gut kennt und versteht.

"Richtig großer Mist." nickt Marie. Dann lässt sie sich zurück auf ihr Bett fallen.

© Nadine Hilmar 12.12.2019