Ein Geschenk

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Ein Geschenk | story.one

“Schlechte Nachrichten.” Der Träger mit dem Raucheratem schaute uns alltagsdressiert an. Träger. So nannte man im Krankenhaus die Menschen, die die Betten von A nach B schoben. Schieber eigentlich. Aber das würde zu sehr an medizinische Behältnisse erinnern. Also Träger. Der Träger kam nach 8. Um 8 hatten sie gesagt würde er kommen. Seit 6 waren wir wach und warteten, dass es 8 würde. Die Uhr war jedoch morgenmufflig langsam.

“Wie geht es Dir?” fragte ich meinen Mann.

“Beschissen.” antwortete er und brach in Tränen aus. Tränen, die ich nicht erwartet hatte, die mich nun versinken ließen, weil mir der Boden unter den Füßen schwand. Ich umarmte ihn und wollte trösten. Dabei hielt ich mich an ihm fest und tröstete mich. Bis hier her hatte ich geglaubt er hätte alles im Griff. Er wäre meine Kraft, mein Halt. Stattdessen hielt ich mich selbst an ihm und damit er sich an mir fest. Gemeinsam den Anker suchend damit niemand versank.

In meinen Händen hielten ich ihn fest, den Anker und wir folgten dem Träger, das Gitterbett mit unserem Sohn durch die Irrwege des großen Krankenhauses schob. Wir eilten, denn er schien die Verspätung aufholen zu wollen. Stumm liefen wir ihm nach, liefen uns Tränen die Wangen herab. Aus dem Gang raus, links, über eine Brücke, mit dem Lift auf Ebene 09, wieder rechts. Überall eilten Menschen umher, Träger schoben und Tränen rollten. Anspannung füllte die Lücken. Die Zwischenräume zwischen den einzelnen Schicksalen hier.

Vor einer großen Tür blieben wir stehen. Er sagte “Schlechte Nachrichten.” Welche schlechten Nachrichten konnten schlechter sein als das eigene Kind heute hier an den OP zu übergeben?

“Hier darf nur einer rein.”

Zum zweiten Mal schwand uns der Boden unter den Füßen, hielten wir unseren Anker ganz fest in der Hand und schauten uns hilflos durch einen Vorhang aus Tränen an. Nur einer? Bis hierher waren wir gegangen. Gemeinsam. Auf dem schwierigsten Weg unseres noch kurzen Elternseins. Hilflose Sekunden vergingen. Die Entscheidung herbeigeholt in einer Umarmung, die Festhalten und Loslassen miteinander verstrickte. Dann blieb er da und ich ging durch die aufschwingende Tür.

“Sodala, da müssens no a bissal warten. Die holn ihn dann hier ab. Alles Gute.” Eine Floskel, die so steril klang, wie dieser Raum, in dem ich mich ängstlich umsah. Über einen Tisch gebeugt stritten Medizinstudenten um den besten Platz im besten OP. Vor mir in diesem metallenen Gitterbett, das eben wie der Wagen des kleinen Häwelmanns durch die Flure gesaust war, lag mein Sohn schon leicht betäubt, das Treiben beobachtend oder sich seiner Betäubung hingebend.

Dann wurde ich still. Ich nahm ihn aus dem Bett und hielt ihn an mich gedrückt, ganz sanft. “Ich warte auf Dich.” sagte ich, als die Anästhesistin ihn holte. Sie zögerte liebevoll, bevor sie ihn übernahm, lächelte mich an und nickte mir zu. Sie schenkte mir, was ich in diesem Moment am meisten brauchte: Vertrauen. Damit ging ich hinaus und wusste, dass alles gut gehen würde.

© Nadine Hilmar 13.12.2019