Total irre, der Typ

Als die Oberstufe des Nachbarortes in unser Gymnasium verlegt wurde, sorgte das für Aufregung. Immerhin hatten wir uns alle aneinander satt gesehen. Endlich neue Gesichter! Unsere Klasse war schon voll, weil wir vor ein paar Jahren vom anderen Dorf Schüler bekommen hatten. Also wurden die Neuen auf die anderen Klassen aufgeteilt. In der Pause wurde dann untereinander getuschelt. Und als ich noch dachte, dass mir das Gesicht des großen Typen mit den langen Locken bekannt vorkam, fiel auch schon sein Name. Mein Kopf spukte, mein Puls drehte voll auf. "Total irre, der Typ." sagte Jasmin. "So ein völlig Durchgeknallter. Das kann was werden mit dem." Und auch wenn ich den irren durchgeknallten Typen zehn Jahre nicht gesehen hatte, so wusste ich, dass es genau die richtige Beschreibung für ihn sein musste.

Als ich auf den Schulhof trat, sah ich ihn mit den anderen Neuen am Mistkübel stehen. Die Locken hingen ihm im Gesicht. Ein Bart wuchs ihm um das Kinn herum und die Latzhose, die er trug, war in verschiedenen Farben gefärbt. Batik, der neue Schrei der damaligen Zeit. Was hier alle für einen irren Typen hielten, empfand ich zwischen dem Einheitsbrei meiner Schule als höchst sympathisch. Ich musste lächeln. Und da sah er mich und grinste zurück. Er hatte mich schon längst erkannt und auf den Moment gewartet. "Ey! Dass wir uns mal wiedersehen!" Die Begrüßung war fremdartig freudig. Ein Handschlag, der eine Umarmung sein wollte, sich aber nicht traute. Zehn Jahre waren eine lange Zeit. Mir war mein kompletter Wortschatz in die Knie gerutscht. Smalltalk war noch nie meine Stärke. Das hier überforderte mich komplett.

Das letzte Mal waren wir Vorschulkinder und er hatte der Kindergärtnerin zugerufen: "Wir küssen uns, schau!" Und dann hatte er mir einen seiner feuchten Küsse aufgedrückt. Mir war das damals furchtbar peinlich. Der Kuss. Auch der Blick der Kindergärtnerin. Im Wald hatten wir oft gespielt, hatten Dämme gebaut und von der Brücke im Stehen herunter gepieselt. "Ich kann das auch!" hatte ich behauptet und sofort bewiesen. Von wegen Mädchen! Mit einem großen Bruder war ich längst aufs Leben vorbereitet. Den Heimweg vom Kindergarten gingen wir meist gemeinsam. Manchmal sammelten wir unterwegs auf dem Friedhof Plastikblumen für unsere Mütter. Seine Schwester spielte die lustigsten Puppenspiele für uns. So tauchten in wenigen Minuten Erinnerungsfetzen einer ganzen Kindheit auf.

Zehn Minuten später saß ich im Klassenraum. Und ich wusste, dass er es sein würde. Herz, Kopf und Bauch hielten eine kurze Besprechung ab. So einig waren sie sich selten. Einen Monat später waren wir das Schulgespräch schlechthin. Der irre Typ und ich. Völlig durchgeknallt. Bei dem "für immer" stieg der Kopf vorsichtig aus, er hielt ein kleines "Ich weiß nicht." in die Höh. Und fünf Jahre später setzte er sich gegen Herz und Bauch durch. Auch das war irre. Irre schmerzhaft.

Das Herz ruft heute noch manchmal: "Ein bisschen aber ist doch für immer geblieben."

© Nadine Hilmar