Unter meinem Hut

Alles unter einen Hut bringen. Wie groß muss der sein? Wenn ich echte wirkliche Minimalistin wäre, so, wie ich es mir wünsche, aber die Kinder es vorn und hinten nicht zulassen mit all ihrem Kramuri, dann könnte das ein kleiner Hut sein. Eine Melone vielleicht. Dann wäre da weniger. Weniger Zeug, weniger zu tun. Da wäre weniger zu denken, zu grübeln, zu klären, zu besorgen. Weniger herumzuschleppen. Aber allzu winzig kann der Hut ja auch nicht sein, so ein Kopf ist ja groß. Wobei ein Sombrero schon recht albern aussieht. Irgendwas dazwischen. Der Strohhut von Opa damals, der wäre perfekt. Der saß gut und alles, was drunter passt, ist genug. Aber Opa hatte eine Glatze. Das ist schon wieder sehr minimalistisch, wenn auch ungewollt. Sollte ich mir etwa auch eine Glatze rasieren? Nein, hatte ich schon. Sah blöd aus. Und die eingesparte Lebenszeit beim Duschen steht nicht dafür. Die Haare sind es also nicht.

Eher die Gedanken drunter. Die vielen kleinen, großen, bunten und grauen. Die schweren und die leichten, die zerzausten und verknoteten. Die passen da langsam alle nicht mehr rein und viele gehören da auch nicht hin sondern eher zack ohne Betäubung aus dem Kopf gerissen und mutig raus in die Fluten damit. Obwohl nein, das ist nicht gut, die spült mir die See gleich wieder an den Strand zurück. Das hat sie ja schon mal gemacht. Und jetzt steh ich da, meine Gedanken mir zu Füßen und ich mit dem Strohhut, der bei dem Wetter eh davon segelt. Der Wind in Wien ist kein Spaß und tut an den Ohren weh.

Heute also lieber eine Mütze. Und was nicht drunter passt, bleibt da. Aber wo? Wo ist dieses "da"?

Loslassen, immer wieder loslassen, hat mir ein weiser großer Mensch mal gesagt. Aber wohin loslassen, das sagt einem keiner. Wohin damit, so dass es einem nicht mehr dauernd um die Ohren fliegt oder vor die Füße gespült wird? Ich kann doch die vielen Gedanken, die Pläne, Ideen, die Aufgaben und ach all die vielen Gefühle nicht einfach so in den Mülleimer werfen. Mitten rein in die Essensreste und Verpackungen und Eierschalen. Das haben sie ja nicht verdient. Das ist doch alles wertvolles Zeug.

Den Kopf loslassen. Mit allem drin und dran und drumherum. Das sollte ich wohl mal lernen. Das würde so gut tun. Und vielleicht bringt mich das zu meinem Herz zurück, wenn der Umweg über da oben nicht so verknotet ist. Gleich heute sollte ich das tun. Drüben an der Donau. Und zwar am besten ohne Mütze und ohne Hut.

© Nadine Hilmar