Tränen der Erleichterung

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Tränen der Erleichterung | story.one

Ja, die Geschichte ist gut ausgegangen. Um es kurz zu machen. Und sie hat mich an den Rand meiner Belastbarkeit gebracht.

Es war im Juli 2007. Wir waren auf Urlaub in Malaysien. Einer unserer Stopps waren die Perenthian Islands. Mein Sohn Chris wollte dort einen Tauchkurs machen.

Schon vom weißen Sandstrand aus sah man Rochen, Schildkröten und jede Menge kleine bunte Fische.

Sein großer Traum war es allerdings, einen Haifisch zu sehen. Als leidenschaftlicher Schnorchler packte er seine Ausrüstung und die Flossen und schwamm entlang der Felsen in Richtung offenes Meer. Er tauchte ständig auf und ab und wirkte mit seinem Schnorchel, aus dem immer wieder eine Wasserfontäne kam, fast wie ein kleiner Wal.

Er schwamm zwischen den Felsblöcken herum und zeigte gelegentlich, was er gerade aufgestöbert hatte. Meine Tochter Mia und ich genossen inzwischen die Zeit im warmen Sand und unterhielten uns über Reisen, erzählten Geschichten von unseren anderen Fernreisen, die uns nach Mittelamerika und Südostasien geführt hatten und holten etwas zum Trinken vom Kiosk am Strand.

Als wir zurückkamen sah ich ihn nicht mehr. Wir standen am Strand wie ein Suchtrupp und spähten, in der Hoffnung, dass wir eine Bewegung im Wasser sehen. Die Oberfläche war spiegelglatt und eigentlich hätte man Wellen oder die Fontäne leicht erkennen müssen.

Ich beruhigte mich selbst, indem ich mir sagte, dass er wohl gerade hinter einem Stein verschwunden sei. Dann beruhigten wir uns gegenseitig, indem wir das gleich zueinander sagten. Als wir unruhiger wurden, erzählten wir uns unwichtige Dinge zur Ablenkung. Dann schwamm ich mal ein Stück hinaus. Keine Spur.

Ich fühlte, wie ich mich innerlich vor Angst aufzulösen begann. Ich versuchte die Horrorszenarien zu unterdrücken und lächelte, um eine Maske vor meine Angstfratze zu setzen.

Als zwei Kajakfahrer auftauchten, bat ich sie an der Küste entlang zu paddeln um Chris zu suchen.

Es verging eine Ewigkeit. Inzwischen sprachen wir gar nicht mehr. Es kostete alle Mühe und Gedankenkraft nicht einfach nur zu heulen und zu schreien.

Und dann kam der erlösende Moment: Mein Sohn kam mit den Paddlern zurück. Von einer Sekunde zur anderen brach ich in Tränen aus. Ich heulte, wie ich noch nie in meinem Leben geheult hatte. Es waren Freudentränen und mit ihnen floss auch der Schmerz aus mir heraus.

In dem Ausmaß, in dem der Schmerz sich auflöste, machte sich die Liebe in mir breit. Noch nie hatte ich meinen Sohn in dieser Intensität an mich gedrückt. Ich wollte ihn nie wieder loslassen. Und noch nie hatte ich so viel Dankbarkeit gespürt.

© Narradora