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Dich sein lassen

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Dich sein lassen | story.one

„Kannst du dir aus meinem Portemonnaie nehmen“, ruft mein Mann gestern aus der Küche.

Und da fällt mein Blick auf seinen Ring. Auf unseren Ring.

Ein Anblick, der mich schmerzt und ich frage mich, wieso es mir nicht aufgefallen ist, dass er ihn nicht am Finger trägt. Vielleicht, weil man manchmal im Alltag doch zu unaufmerksam ist und vieles, was selbstverständlich ist, für selbstverständlich hält.

Ich weiß, dass es die Hygienevorschriften in der Klinik sind und er sich entschieden hat, den Ring vom Finger zu nehmen.

Und doch wird dieser Blick ins Portemonnaie für mich Ausdruck und Sinnbild der jetzigen Zeit.

Wir sind uns nah, aber ich merke auch, dass mein Mann oft fern ist. Mit den Gedanken woanders. Nicht ganz und gar hier, was sonst der Fall ist.

Diese Zeiten können auch was mit Partnerschaft machen. Vielleicht sorgt der Eine sich mehr als der Andere. Krisenzeiten werden unterschiedlich erlebt und auch wahrgenommen. Das für mich gilt, muss noch lange nicht für dich gelten.

Wir haben jetzt eine Woche gemeinsam frei. Vielleicht. Ich mag hoffen, dass es so bleibt, aber die letzten Wochen haben mich eines Besseren belehrt.

Und so entscheiden wir uns: heute werden wir nochmal alle Optionen auf den Tisch packen. Dem anderen zugewandt zuhören und anhören, wie es ihm gerade geht.

Was er braucht.

Wo sein Platz gerade ist.

Und ich weiß, dass das schwer anzuhalten ist. Weil es die gegenseitige Bereitschaft bedeutet, dem Anderen ganz und gar Raum für seine Gedanken und Gefühle zu geben. Diese nicht zu bewerten, sondern sein zu lassen. Diese nicht persönlich zu nehmen, sondern als großes Vertrauen und Offenheit zu werten.

Wir werden dort sitzen und uns an den Händen halten. Er ohne Ring. Ich mit. Und wissen beide: Das hat nichts mit uns zu tun. Hier geht es darum, dem Anderen die Freiheit zu schenken, an dem Ort zu sein, wo seine Kraft und Licht gerade am besten leuchten können. Und auszuhalten, dass das gerade nicht hier ist.

Bei mir.

Aber das ich immer noch hier bin.

Und mein Herz und Arme offenhalte.

Für ihn.

Für mich.

Für uns.

© Natalia Fistera 05.04.2020

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