Schulfrei wegen Dreharbeiten

Als ich auf einer Insel wohnte, mitten in Berlin, hatte ich "kriegsbedingt" einige Tage schulfrei. Es war ein interessantes Wohngebiet auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte. Historische Häuser in der Brüderstraße (z.B.: Galgenhaus und Nicolaihaus), ein uraltes Kaufhaus, Ruinen, Neubauten und 15 Brücken.

Im südlichen Teil der Fischerinsel, dort wo heute Hochhäuser in den Himmel ragen, standen damals noch teilweise die fast unbewohnten Ruinen. Wir haben als Kinder oft darin gespielt und die Kriegsschäden bestaunt. Die Einschusslöcher, Brandnarben, kaputten Treppenhäuser, fehlenden Fenster und so manch fehlende Wand hatten eine große Anziehungskraft auf unsere Entdeckerneugier. Es war ein nicht ungefährlicher Abenteuerspielplatz. Alte Tapetenmuster, Fliesen und Teppichreste, sowie manch vergessener Haushaltsgegenstand fand unsere Bewunderung. Die Suchmeldungen an den Hauswänden haben mich oft zum Geschichtenträumen angeregt. Ob wohl alle Suchenden ihre Familienangehörigen wiedergefunden haben? Ich hatte immer eine rege Phantasie.

Und weil alles so authentisch aussah, wurden die Ruinen vor dem Abriss als Filmkulisse für einen russischen Kriegsfilm genutzt. Während der Dreharbeiten wurde mit Nebelgas und Platzpatronen gearbeitet und die Kulisse wurde weiträumig abgesperrt. Panzer und Soldaten, Krach und Staub, prägten einige Tage die Gegend.

Meine Schule befand sich in der Neuen Roßstraße außerhalb der Insel und ich durfte den Weg über die Roßstraßenbrücke nicht betreten. So konnte ich den Filmemachern zusehen und hatte schulfrei.

Nach 3 Tagen wurde ich vom Klassenlehrer aufgefordert eine andere Brücke zu nutzen und einen längeren Schulweg in Kauf zu nehmen. Schade, aber nach den Dreharbeiten begann wieder eine spannende Zeit. Abriss und Neubau waren interessante Ereignisse auf dem Schulweg im Herzen Berlins.

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