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#kindheitserlebnisse

Rassismus und Mandel-Op.

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Rassismus und Mandel-Op. | story.one

Dieses Geräusch hat sich in Neles Gedächtnis gefräst. Noch heute, Jahrzehnte später, hat sie das Bild vor Augen, das sie mit diesem Ton verbindet. Ein malmendes Knirschen, wie beim Zerschneiden eines Geflügelgelenks. Wenn sie es hört, sieht sie sich auf dem Op.-Stuhl sitzen, ausgeliefert.

Nele hatte häufig eitrige Mandelentzündungen, deshalb sollten die Mandeln noch vor der Einschulung entfernt werden. Die Eltern entschieden sich für die renommierte Kinderklinik Quakenbrück, um den Eingriff durchführen zu lassen. Weit entfernt, häufige Besuche waren nicht möglich. Nele wurde mit der Aussicht auf Vanilleeis, so viel sie wollte, von ängstlichen Gefühlen abgelenkt.

An der Hand der Mutter betrat sie das Sprechzimmer des Arztes. Er stand an seinem Schreibtisch, wandte ihnen den Rücken zu. Dann drehte er sich um. Neles Mutter konnte ihre Überraschung nicht verbergen, als sie dem Mann ins Gesicht sah. Sie starrte ihn an und plumpste aufs Sofa, das zum Glück direkt hinter ihr stand. Er reagierte souverän, lächelte sie freundlich an. In akzentfreiem Deutsch erklärte er den Ablauf der Operation und die nachfolgende Behandlung. Die Mutter erholte sich schnell von ihrem Schock. Seine gewinnende Art und seine für einen Laien gut verständliche Sprache zerstreuten ihre Zweifel an der Kunst eines Arztes aus Afrika.

Die Operation wurde bei “lebendigem Leib”, mit örtlicher Betäubung durchgeführt. Nele musste aufrecht sitzen, um zu verhindern, dass ihr Blut in die Lunge floss. Über eine Maske atmete sie Lachgas ein, dann wurde der Rachenraum im Bereich der Mandeln betäubt. Die Arme wurden fixiert, um Abwehrbewegungen zu verhindern. Eine schwere, rote Gummimanschette wurde vor ihre Brust geschnallt. Und dann hörte sie dieses Geräusch, mit dem ihre Mandeln aus dem Rachen getrennt wurden, gefolgt von einem dumpfem Plopp, mit dem sie in die bereitgehaltene Nierenschale fielen. Ein Blutschwall flutete die Gummimanschette.

Brennende Halsschmerzen, jedes Schlucken eine Höllenqual. Nele konnte nur sehr wenig vom ersehnten Vanilleeis zu sich nehmen. Der erste Besuch der Eltern endete dramatisch, Nele wollte nach Hause, musste aber noch zehn Tage bleiben. Die Krankenschwestern hatten Mühe, das weinende Kind zu beruhigen. Beim zweiten Besuch sah Nele die Eltern durch die große Fensterscheibe zum Flur. Sie wurden fortgeschickt, um das Heimweh des Kindes nicht neu zu entfachen. Fassungslos musste Nele mitansehen, dass die Eltern sich umdrehten und gingen. Später sagte die Krankenschwester, die Eltern seien nicht da gewesen, das habe sie sich eingebildet.

Das Herz der Sechsjährigen war so wund wie ihr Hals. Nach zwei endlosen Wochen durfte sie nach Hause. Sie traute sich nicht zu fragen, warum die Eltern sie nicht mehr besucht hatten.

Aber die Begegnung mit dem Arzt aus Afrika hatte die Mutter nachhaltig beeindruckt. Wenig später lag unter dem Weihnachtsbaum eine Überraschung: Toxi, die Puppe mit Migrationshintergrund.

© NeleChryselius 2020-11-21

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