Als mir die Heilige Cäcilia geholfen hat..

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Als mir die Heilige Cäcilia geholfen hat.. | story.one

In Anras, einem Dörfchen an der Pustertaler Höhenstraße sollte die Krönungsmesse von Mozart aufgeführt werden – mit meinem Vater als Paukisten. Ich begleitete ihn, weil ich die Sopranstimme singen konnte. Wir hatten dieses wunderbare Werk schon einige Male mit dem Kirchenchor in Lienz zur Aufführung gebracht.

Im Gegensatz zu Lienz aber waren hier die Musikanten halbkreisförmig hinter dem Altar, zum Volk schauend positioniert. Mein Vater an den Pauken gleich beim Ausgang an der Sakristei, ich am anderen Ende des Halbmondes im Sopranrudel.

Der Tag der Aufführung war da. Irgendwer drückte mir im hektischen Gewusel in der Sakristei die Paukennoten in die Hand, damit ich sie dann meinem Vater übergeben möge. Und plötzlich hieß es: „Ruhe! Formation in Zweiergruppen, Sopräne zuerst, und Einzug!“

In Lienz spielte sich das musikalische Leben am Chor neben der Orgel ab. Von den Kirchenbesuchern ungesehen, schlenderte man locker – leger daher und begab sich gemütlich auf seinen Platz. Dieser Einzug da allerdings war eine Art Triumphmarsch. Würdig-weihevoll - gladiatorenmäßig trat man vor die rappelvollen Bankreihen. Ich wurde als eine der ersten hinausgeschwemmt. Völlig überrumpelt dachte ich noch: „Bloß jetzt nicht über eine Teppichkante stolpern“, wurde dann von meinen Sangesschwestern so lange zurechtgeschubst, bis ich da stand, wo ich sollte und schon ging es los. Ich war, wohl auch aufgrund der exponierten Positionierung, mit Inbrunst und Hingabe bei der Sache. Beim „Agnus Dei“ angelangt, fiel mir auf, dass die Mädels um mich herum bereits von der vorletzten Seite sangen. Da schimmerte schon das Licht von unten durch. Bei mir nicht.

„Um Gottes Willen“ dachte ich situationsbedingt, und gleich noch situationsbedingter: „Heilige Cäcilia, bitte für mich!“ Aus Singen wurde textsynchrones Auf-und Zuklappen des Mundes, während ich verzweifelt nach den Pauken horchte.

Nun ist das innige Anflehen des Lamm Gottes nicht unbedingt die Paradepassage für Paukenwirbel und mir war klar: Paukentotalausfall! Und ich war schuld! Ich würde direkt im Anschluss an die Messe gelyncht werden. Von meinem Vater, dem Dirigenten und was weiß ich noch von wem aller.

In verzweifeltem Aufbäumen schickte ich nun Stille -Post-mäßig die Paukennoten durch die Reihe zu meinem Vater zurück und die Blicke, die mich dabei trafen, bestätigten meine grausige Vision. „Heilige Cäcilia, ich nochmal! Ich bin ja erst 17...mach, dass ich das hier überlebe!“

Die Mappe war noch nicht durch, da hörte ich ihn spielen! Piano, taktgenau auf den Punkt. Man hatte ihm in letzter Sekunde eine Partitur vorlegen können, nachdem seine Noten auf unerklärliche Weise verschollen waren. Mein Vater, der Ärmste, durchlebte mit Umblättern und fast gleichzeitigem Bedienen des Schlagwerks die rührigste Krönungsmesse seines Lebens. Man lobte und pries ihn für seine souveräne Leistung, und mir wurde verziehen.

Ich mag die Heilige Cäcilia seither am liebsten von allen.

© neli 24.11.2019