Bruder, hilf!

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Bruder, hilf! | story.one

„Kinder, hört einmal gut zu, ich bringe den Papa schnell zum Bahnhof und düse dann sofort wieder nach Hause. Bleibt ihr inzwischen ganz brav im Wohnzimmer und spielt mit dem Lego weiter?“ Zweifaches Ja-Nicken. „Traut ihr euch das und versprecht mir, keinen Unfug anzustellen? Ernsthaftes zweifaches Ja-Nicken. Es war knapp an diesem Sonntag, wir hatten vollkommen die Zeit übersehen und mein Mann musste diese letztmögliche Verbindung zur Stolzalpe noch bekommen. Also rein in die Kiste, Bahnhof, kiss and bye und unter Überschreitung sämtlicher Tempolimits wieder nach Hause. 11 Minuten Bahnhof und retour – das war rekordverdächtig.

Die Treppe hochgehechelt, und da stand mein Erstgeborener, vier Jahre alt, bereits wartend auf mich in der Tür. „Mama, der Emi hat sich mitm Papa seine Rasiererlen do beim Mund einigschnittn.“ Mich durchfuhr eisiger Schrecken, der noch dadurch verstärkt wurde, dass ich den um zwei Jahre jüngeren Emi nirgendwo weinen hörte. Ich wähnte das Kind bereits halbverblutet und bewusstlos irgendwo liegen. Grauenvoll!

Stürzte als erstes ins Badezimmer und da saß er nun. Ich weiß nicht, ob es die Dinger heute noch gibt, aber wir hatten damals ein Ungetüm von Wannenaufsatz als Wickelauflage mit herausziehbarer Badewanne drunter drinnen. Auf eben dieser Wickelauflage saß das verdatterte Emilein: Blutverschmiertes T-Shirt, und einen Streifen Mullbinde am linken Ohr angeklebt, über das Mäulchen gezogen und auf der anderen Seite ebenfalls fein säuberlich angepickt.

Gott sei Dank hatte nämlich das Christkind vor 4 Monaten dem großen Bruder einen Arztkoffer gebracht. Mit Papas ausrangiertem Stethoskop drinnen, Schere, Mullbinden, Pflaster....alles „in echt“ und der junge Mann hat ziemlich geistesgegenwärtig das gemacht, was in seiner Macht stand, nämlich den Bruder verarzten. Ich demontierte den tollen Verband und stellte mit Riesenerleichterung fest, dass die Sache glimpflich ausgegangen war. Zwei kleine Kratzerchen (und ja...tatsächlich von Papas Rasiererlen) an der Lippe, aber Wunden um die Mundschleimhaut herum bluten nun einmal ziemlich stark. Diese Erfahrung war mir zu dem Zeitpunkt nichts mehr Neues und so wurden jetzt erstmal dem Kleinen für seine unerlaubte Kletterpartie auf den Wickeltisch und das Herumgespiele mit Mama-und Papa-Zeugs am Regal dahinter die Leviten gelesen, und danach dem Großen Riesenlob für seine tolle Erste Hilfe ausgesprochen, woraufhin selbiger noch ein knackig-knappes Übergabegespräch machte: „I hob gsog, er soll do sitznbleiben bis du kimmsch“, seinen Arztkoffer schnappte und sich zum Legospielen vertrollte.

© neli