Ein magischer Moment

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Ein magischer Moment | story.one

Wir sind die großelterlichsten Großeltern, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Wir hören gefühlte 100 Mal am Tag ein und dieselbe CD, singen und shaken mit, als ob es kein morgen gäbe. Wir geben wild schnaubende Krabbelmonster, die zähnefletschend danach trachten, in einen flüchtenden Windelhintern zu beißen. Wir brechen in jammervolles Geheul aus, wenn sich das Kind die Decke über den Kopf zieht, und „nicht mehr da ist“ und überschlagen uns vor Begeisterung, wenn es wundersamerweise wieder auftaucht. Wir verstecken uns mit ungebrochener Inbrunst immer wieder hinter derselben Tür, um dann kreischend hervorzustürmen und in einer wilden Jagd durch das Haus den quietschend davonrennenden Winzling zu erhaschen. Wir laufen, krabbeln, rollen und tollen, dass es grad so eine Freude ist.

Und das geht, solange der kleine Kerl im Opa-Oma-Haus zugange ist, so ziemlich ohne Unterbrechung dahin. Bis vor kurzem.

Heute kommen Opa und Enkel vom Vormittagsspaziergang nach Hause. Ich bin in der Küche und werkle in der Endfertigung des Mittagessens herum, als mir nach einiger Zeit bewusst wird, was mich irritiert: es ist so still überall. Der Blick ins Wohnzimmer zeigt: Opa sitzt im Sessel und liest, der Kleine am Boden hinter dem Sessel, umgeben von einem Haufen Bücher, liest auch. Ich höre ihn quieken: „Arm, Arm!“ und dann schluchzend „Mama, Mama!“ Das ist im „real life“ die Szenerie, wenn er müde ist und getragen werden möchte. Kurz darauf sticht der Finger auf die Buchseiten. „Atze, Baum, Haus, Brmbrm“ . Der kleine Kerl (21 Monate alt) ist kontemplativ in der Buchwelt versunken – großes Gedankenkino im Kopf! Ich bin fasziniert. Das Mittagessen ist eigentlich fertig, aber ich mag die Situation nicht unterbrechen. Mein Mann erahnt meine Gedanken, meint: „So geht’s auch, gell?“ und liest weiter. Ich stoppe ab jetzt mit und erkenne im Gebrabbel aus dem Wohnzimmer, welches Buch der junge Leser grad vor sich hat. Es vergehen noch fast 20 Minuten, als der Kleine aufschaut und mich bemerkt. „Mma“, sagt er, patscht mit den Pfötchen rhythmisch auf die Buchseiten und gibt eindeutig als Gesang interpretierbare Töne von sich. Ich trete näher, schaue auf das Buch und wundere mich nicht, dass dort ein Radio abgebildet ist.

Mein Enkel, noch keine zwei Jahre alt, hat mir heute vorgelesen. Ihm war es nicht bewusst, mir dafür umso mehr. Und bei allem, was das Großelternsein bis jetzt an Wunderbarem hervorgebracht hat - das soeben war ein Höhepunkt, den ich mit unendlich viel Freude und Dankbarkeit in mir bewahren werde!

© neli 01.12.2019