Aus der Stadt

Als Kind erschien ihr Salzburg groß, riesengroß. Kein Wunder, sie wuchs in einer kleinen Siedlung an einem Berghang außerhalb eines Dorfes im Flachgau auf. Jeder Fahrt nach Salzburg, "in die Stadt", wie man zu sagen pflegte, haftete etwas von einem Ausflug in die weite Welt an. So viele Häuser und noch viel mehr Menschen! In der dörflichen Volksschule gab es Kinder, die noch nie in der Stadt gewesen waren. Dabei dauerte eine Fahrt dorthin kaum mehr als eine halbe Stunde.

Später besuchte sie die Schule in Salzburg. Manchmal erschienen ihr zu dieser Zeit der Ort, an dem sie zuhause war, und der Ort, an dem sie zur Schule ging, wie Angehörige zweier unterschiedlicher Welten. Ihre Mitschüler in der Stadt hatten keine Ahnung davon, wo sie herkam. Im Herbst war es in der Stadt oft trüb, während daheim die Sonne schien. Im Winter schneite es, wenn sie von zuhause wegstapfte, in der Stadt fiel Regen. Am Nachmittag, wenn sie wieder zuhause war, schien ihr die Schule weit weg zu sein. Dabei trennten die beiden Welten nur wenige Kilometer.

Noch später studierte sie in Salzburg. Die Frage nach einem anderen Studienort stellte sich nie. Früher, in der Schule, hätte sie gerne gesagt, sie komme aus der Stadt. Aber sie blieb ein Landkind, auch als sie längst täglich mit dem Autobus in die Stadt fuhr. Man konnte es an der Vorwahl der Telefonnummer erkennen, man hörte es an der Sprache. Wer wollte, konnte es an den Autokennzeichen ablesen, auch schon zu jener Zeit, als diese noch schwarz waren. An der Uni aber kamen fast alle von woanders her. Plötzlich war die ländliche Herkunft nichts Besonderes mehr, die Heimatdörfer der Mitstudierenden lagen viel weiter weg, im Innergebirg oder im Oberösterreichischen. Wenn sie nun erzählte, woher sie kam, hieß es: "Ach so, das ist eh fast Stadt."

Ihre beiden Welten passten nie recht zusammen. Zuerst, als sie gerne aus der Stadt gekommen wäre, schien die Entfernung zu groß dafür. Dann, als sie das eigene Dorf den anderen Dörfern zur Seite stellen wollte, wurde es einfach der Stadt zugewiesen. Noch später, als sie zeitweise im Ausland lebte, wurde der Stadt auch die Größe genommen. Plötzlich war sie eine, die aus einer zwar hübschen, aber doch recht kleinen Stadt kam. Immer wieder verspürte sie den Drang zu erklären, warum sie nicht in Wien oder einer anderen Großstadt lebte.

Heute denkt sie selbst auch manchmal, dass ihr die Stadt zu klein ist. Zu gleichförmig erscheint ihr das Leben in dieser Stadt, zu vertraut die Ecken und die meisten der hier lebenden Menschen. Jedem Bewohner, der davon überzeugt ist, in einer der schönsten Städte der Welt zu leben, ist sie versucht zu entgegen, dass es auch anderswo schön ist und Schönheit nicht das Einzige, worauf es ankommt. Und doch kann sie nicht verhindern, dass sie bisweilen selbst ergriffen ist von der Schönheit dieser Stadt. Manchmal gesellt sich sogar, ohne dass sie es will, ein bisschen Stolz dazu, Stolz, nunmehr sagen zu können: "Ich komme aus Salzburg. Ja, aus der Stadt."

© nemo