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Alte Möbel, neue Liebe

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Alte Möbel, neue Liebe | story.one

Ich mag alte Dinge und neue. Oft passen sie auch gut zueinander. Alte Bücher und Möbel habe ich aber erst durch einen Freund wirklich schätzen gelernt. Während des Studiums gingen wir oft in Antiquariate in Linz. Eines lag in der Bischofsstraße, eines am Tummelplatz in der Altstadt und eines in Urfahr. Man ging dort nicht nur hin, um Bücher zu kaufen. Es waren versteckte, ruhige Orte, in die man sich zurückziehen konnte. Sie bewahrten unzählige Geheimnisse, die in den Büchern und, wenn man wollte, auch die, die man, ausgesprochen oder nicht, dort zurückließ.

An einem Sommernachmittag am Beginn der Ferien, suchten wir nicht nach alten Büchern. Wir wollten uns in Aschach an der Donau bei einem Antiquitätenhändler umsehen, der immer besondere Stücke auf Lager hatte. Art-déco-Möbel, Jugendstillampen, Aquarelle und Skizzen von vergessenen lokalen Künstlern. Wir ließen die Stadt hinter uns, um in einer großen Werkstatt, die als Lager diente, eine Stunde lang zu stöbern. Einen alten Diwan musste Peter unbedingt haben, auch wenn der Bezug und die Holzfüße stark abgenutzt waren. Bald darauf stand dieser in der Küche unseres Studentenheims, wo er oft das Auskurieren eines Katers unterstützte nach einer Party, oder Gästen als Nachtlager diente.

Als Peter das Studentenheim schließlich verließ, wollte er seinen Diwan restaurieren lassen und ihn in seiner Wohnung unterbringen. Nur einmal über die Straße befand sich unweit des Studentenheims ein Textilwarengeschäft. Um dort den richtigen Bezug auszuwählen, schafften wir den Diwan kurzerhand ins Geschäft und ließen uns dort verschiedene Stoffe direkt am Möbelstück vorführen. Die zwei Verkäuferinnen waren, wie Peter und ich, gut befreundet. So entwickelte sich ein sehr lebhaftes Gespräch, das knappe zwei Stunden dauerte und sich bei Weitem nicht nur um den Kauf eines neuen Möbelbezugs drehte.

Als wir das Geschäft verließen, war nicht nur die Zukunft des Diwans bestimmt, sondern auch die meines besten Freundes, denn eine der beiden Verkäuferinnen wurde später Peters Frau.

Als ich am Standesamt die Eheschließung der beiden bezeugte, war auch ich längst in eine eigene Wohnung gezogen und auch ich hatte bei dem Antiquitätenhändler einen Diwan erworben und ihn beziehen lassen mit einem Stoff aus dem Geschäft, in dem Peter und ich noch so oft verkehrten. Ich hauptsächlich wegen der Gestaltung meiner Einrichtung, Peter hauptsächlich wegen Renate.

Schließlich begleitete Peters Diwan ihn und Renate in ein junges Familienglück etwas entfernt von Linz. Meiner blieb mit mir in der Stadt. Er fand mich in Liebesstunden und in einsamen, in späten und in frühen vor dem Morgengrauen.

Wir hatten uns verändert, die Stadt hatte sich verändert. Die Antiquariate, unsere Einkehrorte, waren vom Wandel der Zeit wie von einer unsichtbaren Hand innerhalb weniger Monate aus dem Bild der Stadt gewischt worden, nicht aber aus unserem Bild, dem Bild unvergleichlicher Tage, die uns formten.

© Nick_O 03.07.2019

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