Country Roads

Ein Jahr lang fahre ich jeden Tag über holprige Landstraßen in das kleine Grünburg, um dort eine Werkgruppe von zwölf Schülern zu unterrichten, zu der auch ein autistischer Junge gehört, einer mit Aufmerksamkeitsdefizit und einer, der zuckerkrank ist und zu nichts Lust hat. Eine spezielle Ausbildung oder praktische Erfahrung im Umgang mit derlei Anforderungen habe ich nicht, ich muss einfach sehen, was kommt. Auch für das Fach selbst bin ich nicht ausgebildet.

Unser erstes Werkstück ist ein Elektromotor. Alle arbeiten einigermaßen konzentriert. Doch schon in der ersten Einheit definiert Marko jenes Muster, das sich das ganze Schuljahr hindurch in der einen oder anderen Variation wiederholen soll. Er schmeißt alles, was er gerade in Händen hält, vor sich auf den Tisch und meint: Ich mag nicht mehr. Nach fünf Minuten guten Zuredens nimmt er die Arbeit wieder auf. Fünfzig Minuten später wiederholt sich das Ganze. Jan kontrolliert ab und zu seinen Zuckerspiegel und auch ihm muss ich zwischendurch immer wieder ermuntern.

Leonhard, der immer etwas apathisch wirkt und alleine so gut wie überhaupt nichts zustande bringt, ist am meisten auf Unterstützung angewiesen. Später teile ich Schüler ein, die etwas voraus sind, ihm zu helfen, aber darauf kann man sich nicht hundertprozentig verlassen. Einmal sitzt Leonhard mit hängenden Armen auf seinem Stuhl und hat den Draht, der für die Antriebsspule vorgesehen ist, um seinen ganzen Körper gewickelt. Keiner hat eine Ahnung, wie das passiert ist.

Als ich eines Nachmittags nach der Pause zurück in den Werkraum komme, höre ich Marko lautstark telefonieren. Ich will ihm das Handy abnehmen. Das ist Ö3, ruft er und läuft davon. Wie sich herausstellt, hat er in der Pause einen Hörerwunsch deponiert und ist jetzt vom Sender zurückgerufen worden. Sein Wunsch geht über den Äther.

Mitten in einer der letzten Einheiten steht Jan plötzlich auf und meint, er werde jetzt nach Hause gehen. So aktiv habe ich ihn das ganze Schuljahr noch nicht erlebt. Er geht einfach in die Garderobe. Ich folge ihm, um ihn zu überzeugen, dass er das nicht machen könne. Schließlich zieht er seine Jacke wieder aus und folgt mir zurück in den Werkraum.

Für eine Weile arbeiten alle still vor sich hin, bis auf einmal ein Schüler den Song Country Roads vor sich hinzusingen beginnt. Sie haben ihn am Vormittag in der Musikstunde gelernt. Als ich nicht gleich etwas dagegen sage, weil ich nichts dagegen habe und das Lied selbst ganz gern singe, steigen nach und nach auch die anderen Schüler ein. Bis die ganze Gruppe aus vollem Halse Country Road singt. Später bekomme ich dafür vom Direktor eine Rüge, aber für mich und für die Jungen ist es eine Art Abschiedssong und zugleich der Song, der uns über die alten schmalen Straßen aus diesem Ort am Ende der Welt hinaus führt.

Ich kehre nie zurück und auch die Jungen der singenden Werktruppe werden, so oder so, ihren Weg über die Country Roads hinaus in die Welt gefunden haben.

© Nick_O